Schiedsgerichtsklauseln bei Streitigkeiten zwischen Investoren und EU-Mitgliedsstaaten

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat in einer aktu­el­len Ent­schei­dung die Zuläs­sig­keit von Schieds­klau­seln bei Strei­tig­kei­ten zwi­schen Inves­to­ren und EU-Mit­glieds­staa­ten bejaht. Das OLG Frank­furt wies damit einen Antrag der Slo­wa­kei auf Auf­he­bung eines Schieds­spru­ches zurück, mit dem ein Schieds­ge­richt sei­ne Zustän­dig­keit zur Ent­schei­dung über eine Ver­trags­ver­let­zung aus einem bila­te­ra­len Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men zwi­schen der Slo­wa­kei und den Nie­der­lan­den bejaht hat­te.

Schiedsgerichtsklauseln bei Streitigkeiten zwischen Investoren und EU-Mitgliedsstaaten

Im Jahr 1991 schlos­sen die Tsche­cho­slo­wa­kei — die Rechts­vor­gän­ge­rin der heu­ti­gen Slo­wa­kei — und die Nie­der­lan­de ein bila­te­ra­les Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men, mit dem der Schutz von Inves­ti­tio­nen zwi­schen bei­den Staa­ten gewähr­leis­tet wer­den soll­te. Das Abkom­men ent­hält eine Klau­sel, nach der Inves­to­ren der bei­den Ver­trags­staa­ten im Fal­le von Strei­tig­kei­ten ein Schieds­ge­richt anru­fen kön­nen.

Mit einer im Jahr 2004 beschlos­se­nen Gesund­heits­re­form öff­ne­te die Slo­wa­kei ihren Markt erst­mals für pri­va­te in- und aus­län­di­sche Kran­ken­ver­si­che­run­gen. Die Antrags­geg­ne­rin — eine nie­der­län­di­sche Ver­si­che­rungs­grup­pe — wur­de dar­auf­hin als Anbie­ter von Kran­ken­ver­si­che­run­gen in der Slo­wa­kei zuge­las­sen und begann in die­sen Markt umfas­send zu inves­tie­ren. Sie erreich­te bis Anfang 2007 einen Markt­an­teil von rund 8,5 %. Nach einem Regie­rungs­wech­sel im Jahr 2006 wur­den im Zuge einer Umkeh­rung der Libe­ra­li­sie­rung des Kran­ken­ver­si­che­rungs­mark­tes in der Slo­wa­kei die Rech­te der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rer beschnit­ten. Hier­durch, so der Vor­wurf der Antrags­geg­ne­rin, sei sie prak­tisch ent­eig­net wor­den und ein Scha­den in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he ent­stan­den.

Im Okto­ber 2008 lei­te­te die Antrags­geg­ne­rin des­halb unter Beru­fung auf das Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men ein Schieds­ver­fah­ren gegen die Slo­wa­kei ein, mit dem Ziel, umfas­sen­den Scha­dens­er­satz zu erlan­gen. In der Fol­ge­zeit kon­sti­tu­ier­te sich ent­spre­chend den Bestim­mun­gen des Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­mens ein drei­köp­fi­ges Schieds­ge­richt mit Schieds­ort in Frank­furt am Main. Weil die Slo­wa­kei die Rüge der Unzu­stän­dig­keit des Schieds­ge­richts erhob, erlies die­ses vor­ab einen Zwi­schen­ent­scheid („Award on juris­di­ca­ti­on, arbi­tra­bi­li­ty an sus­pen­si­on“), in dem es sei­ne Zustän­dig­keit zur Ent­schei­dung über die angeb­li­che Ver­let­zung des Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­mens bejah­te.

Dar­auf­hin bean­trag­te die Slo­wa­kei als Antrag­stel­le­rin beim Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main die Auf­he­bung die­ses Zwi­schen­ent­scheids. Zur Begrün­dung beruft sich die Slo­wa­kei ins­be­son­de­re dar­auf, dass die in dem Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men ent­hal­te­ne Schieds­ver­ein­ba­rung gegen EU-Recht ver­sto­ße. Das Abkom­men sei mit ihrem Bei­tritt zur EU im Jahr 2004 unan­wend­bar gewor­den. Dies fol­ge aus dem Vor­rang des Uni­ons­rechts, wobei spe­zi­ell die Schieds­ver­ein­ba­rung wegen des Vor­rangs der in Art. 344 AEUV vor­ge­se­he­nen aus­schließ­li­chen gericht­li­chen Zustän­dig­keit des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht län­ger gül­tig sei.

Das OLG Frank­furt folg­te der Rechts­auf­fas­sung der Slo­wa­kei jedoch nicht und bestä­tig­te damit den Zwi­schen­ent­scheid des Schieds­ge­richts:

EU-Recht ste­he der Wirk­sam­keit der Schieds­klau­sel nicht ent­ge­gen, ent­schied das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt, weil Art. 344 AEUV nur Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Mit­glieds­staa­ten erfas­se, nicht aber die hier zu beur­tei­len­de Kon­stel­la­ti­on einer Strei­tig­keit zwi­schen einem Inves­tor eines EU-Mit­glied­staa­tes und einem ande­ren EU-Mit­glieds­staat. Auch die mög­li­che Gefahr von Schieds­sprü­chen, die EU-Recht wider­sprä­chen, kön­ne eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung von Art. 344 AEUV auf die­se Kon­stel­la­ti­on nicht begrün­den, zumal die­se Schieds­sprü­che ihrer­seits der Kon­trol­le durch die staat­li­chen Gerich­te der EU-Mit­glieds­staa­ten unter­lä­gen, die dann auch die Mög­lich­keit einer Vor­la­ge an den EuGH hät­ten. Auch der EuGH selbst habe sich bis­lang in kei­ner sei­ner Ent­schei­dun­gen im Sin­ne der Antrag­stel­le­rin geäu­ßert.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main, Beschluss vom 10. Mai 2012 — 26 SchH 1110