Auf­rech­nung bei der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Schieds­spruchs

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [1] sind im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren – über die gesetz­li­chen Auf­he­bungs­grün­de hin­aus (für inlän­di­sche Schieds­sprü­che § 1060 Abs. 2, § 1059 Abs. 2 ZPO bzw. § 1042 Abs. 2, § 1041 Abs. 1 ZPO a.F.; für aus­län­di­sche Schieds­sprü­che § 1061 Abs. 1 ZPO in Ver­bin­dung mit dem Über­ein­kom­men vom 10. Juni 1958 über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Schieds­sprü­che [2]) – sach­lich-recht­li­che Ein­wen­dun­gen gegen den im Schieds­spruch fest­ge­stell­ten Anspruch zuläs­sig. Aller­dings müs­sen in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 767 Abs. 2 ZPO die Grün­de, auf denen die Ein­wen­dung beruht, grund­sätz­lich nach dem Schieds­ver­fah­ren ent­stan­den sein, das heißt bei einer Auf­rech­nung darf die Auf­rech­nungs­la­ge nicht bereits wäh­rend des Schieds­ver­fah­rens bestan­den haben.

Auf­rech­nung bei der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Schieds­spruchs

Letz­te­res gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aller­dings nicht aus­nahms­los. Viel­mehr ist die Auf­rech­nung auch mit einer vor Abschluss des Schieds­ver­fah­rens ent­stan­de­nen For­de­rung mög­lich, wenn der Schuld­ner schon vor dem Schieds­ge­richt auf­ge­rech­net bzw. den Auf­rech­nungs­ein­wand erho­ben hat, das Schieds­ge­richt aber über die zur Auf­rech­nung gestell­te For­de­rung – zum Bei­spiel mit der Begrün­dung, es sei für die­se nicht zustän­dig – nicht befun­den hat. Wo ein Schieds­ge­richt sich der Ent­schei­dung über die Auf­rech­nung ent­hält, steht nichts im Wege, den Auf­rech­nungs­ein­wand vor dem ordent­li­chen Gericht zu wie­der­ho­len, gleich­viel ob das Schieds­ge­richt mit Recht oder Unrecht nicht auf die Auf­rech­nung ein­ge­gan­gen ist [3]. Glei­ches gilt, wenn der Schuld­ner zwar vor dem Schieds­ge­richt nicht auf­ge­rech­net hat, aber fest­steht, dass das Schieds­ge­richt über die Gegen­for­de­rung bei erfolg­ter Auf­rech­nung nicht ent­schie­den hät­te [4].

Soweit nach dem Inkraft­tre­ten des Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­set­zes [5], durch das unter ande­rem die Zustän­dig­keit für das Ver­fah­ren auf Voll­streck­bar­er­klä­rung eines Schieds­spruchs erst­in­stanz­lich bei den Ober­lan­des­ge­rich­ten ange­sie­delt wor­den ist, ver­ein­zelt in der Recht­spre­chung [6] die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, nun­mehr sei­en bestrit­te­ne mate­ri­ell-recht­li­che Ein­wen­dun­gen wie die Auf­rech­nung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren grund­sätz­lich unbe­acht­lich und könn­ten nur zum Gegen­stand einer eigen­stän­di­gen Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge gemacht wer­den, ist dem der Bun­des­ge­richts­hof nicht gefolgt [7]. Viel­mehr sind auch wei­ter­hin mate­ri­ell-recht­li­che Ein­wen­dun­gen wie die Auf­rech­nung im Umfang der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren zuläs­sig [8].

Soweit das Kam­mer­ge­richt für sei­ne gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung maß­geb­lich dar­auf abge­stellt hat, dass die Ober­lan­des­ge­rich­te für die Gel­tend­ma­chung mate­ri­ell-recht­li­cher Ein­wen­dun­gen im Rah­men einer Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge (§ 767 Abs. 1 ZPO) unzu­stän­dig wären, ist dies im Übri­gen feh­ler­haft. Zwar wird teil­wei­se in der Recht­spre­chung [9] und in der Lite­ra­tur [10] die Mei­nung ver­tre­ten, dass unge­ach­tet der durch das Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­setz begrün­de­ten erst­in­stanz­li­chen Zustän­dig­keit der Ober­lan­des­ge­rich­te für die Voll­streck­bar­er­klä­rung eines Schieds­spruchs zur Ent­schei­dung der Ver­fah­ren nach § 767 Abs. 1 ZPO wei­ter­hin – je nach Streit­wert – die Amts- oder Land­ge­rich­te beru­fen sei­en. Zustän­dig ist jedoch das „Pro­zess­ge­richt des ers­ten Rechts­zugs“, das heißt das Gericht des Vor­pro­zes­ses ers­ter Instanz, in dem der Voll­stre­ckungs­ti­tel geschaf­fen wor­den ist [11]. Voll­stre­ckungs­ti­tel ist bei der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines Schieds­spruchs aber die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts [12]. Dem­entspre­chend ist das Ober­lan­des­ge­richt das zustän­di­ge Gericht im Sin­ne des § 767 Abs. 1 ZPO [13]. Etwas ande­res gilt selbst­ver­ständ­lich, wenn der gel­tend gemach­te Ein­wand sei­ner­seits einer Schieds­ab­re­de unter­liegt; dann ist das Schieds­ge­richt und nicht das Ober­lan­des­ge­richt zur Ent­schei­dung beru­fen [14].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2010 – III ZB 57/​10

  1. BGH, Urtei­le vom 06.02.1957 – V ZR 126/​55, LM § 1042 ZPO Nr. 4; vom 16.02.1961 – VII ZR 191/​59, BGHZ 34, 274, 277 ff; vom 12.07.1990 – III ZR 174/​89, NJW 1990, 3210, 3211; und vom 03.07.1997 – III ZR 75/​95, NJW-RR 1997, 1289[]
  2. BGBl. 1961 II S. 121[]
  3. BGH, Urteil vom 22.11.1962 – VII ZR 55/​61, BGHZ 38, 259, 264 ff.[]
  4. BGH, Urteil vom 07.01.1965 – VII ZR 241/​63, NJW 1965, 1138, 1139[]
  5. vom 22.12.1997, BGBl. I S. 3224[]
  6. Bay­O­bLG NJW-RR 2001, 1363 f; OLG Stutt­gart OLGR 2001, 50, 51 f.[]
  7. ableh­nend auch OLG Hamm, NJW-RR 2001, 1362 f; OLG Köln, SchiedsVZ 2005, 163, 165; OLG Dres­den SchiedsVZ 2005, 210, 213; sie­he auch OLG Düs­sel­dorf SchiedsVZ 2005, 214, 215 f und OLG Koblenz SchiedsVZ 2005, 260, 262; vgl. aus der Lite­ra­tur eben­falls ableh­nend Münch-KommZPO/A­dolph­sen, 3. Aufl., § 1061 Anh. 1 UNÜ, Art. V Rn. 16; Musie-lak/­Voit, ZPO, 7. Aufl., § 1060 Rn. 12; Zöller/​Geimer, ZPO, 28. Aufl., § 1029 Rn. 88, § 1061 Rn. 21[]
  8. BGH, Beschlüs­se vom 08.11.2007 – III ZB 95/​06, SchiedsVZ 2008, 40 Rn. 31 f.; und 29.07.2010 – III ZB 48/​09; sie­he auch BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – III ZB 11/​07, NJW-RR 2008, 558 Rn. 18 zur Ein­re­de der Insol­venz­an­fech­tung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren[]
  9. Bay­O­bLG aaO S. 1363[]
  10. MünchKommZPO/​Münch aaO § 1060 Rn. 38, § 1062 Rn. 9; Musielak/​Voit aaO § 1060 Rn. 13[]
  11. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 06.02.1975 – III ZB 11/​74, LM § 767 ZPO Nr. 42; und vom 17.10.1979 – IV ARZ 42/​79, NJW 1980, 188, 189[]
  12. vgl. nur BGH, Beschluss vom 28.10.1999 – III ZB 43/​99, BGHR ZPO § 1064 Abs. 2, 3 Voll­streck­bar­er­klä­rung 1[]
  13. in die­sem Sinn auch OLG Stutt­gart aaO S. 52; OLG Hamm aaO S. 1362; OLG Dres­den aaO; OLG Mün­chen, Beschluss vom 12.11.2007 – 34 Sch 10/​07, 34 Sch 010/​07; Münch-KommZPO/A­dolph­sen aaO § 1061 Anh. 1 UNÜ Art. V Rn. 16; Prütting/​Gehrlein/​Scheuch, ZPO, 2. Aufl., § 767 Rn. 28 f; Stein/​Jonas/​Schlosser, ZPO, 22. Aufl., § 1063 Rn. 4; Zöl­ler-Her­get aaO § 767 Rn. 10; Lach­mann, Hand­buch für die Schieds­ge­richts­pra­xis, 3. Aufl., Rn. 2444 ff, 2449[]
  14. BGH, Urteil vom 03.12.1986 – IVb ZR 80/​85, BGHZ 99, 143, 146 ff; Beschlüs­se vom 19.12.1995 – III ZR 194/​94, NJW-RR 1996, 508; und vom 08.11.2007, aaO[]