Aufrechnung bei der Vollstreckbarerklärung eines ausländischen Schiedsspruchs

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs1 sind im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren — über die gesetz­li­chen Auf­he­bungs­grün­de hin­aus (für inlän­di­sche Schieds­sprü­che § 1060 Abs. 2, § 1059 Abs. 2 ZPO bzw. § 1042 Abs. 2, § 1041 Abs. 1 ZPO a.F.; für aus­län­di­sche Schieds­sprü­che § 1061 Abs. 1 ZPO in Ver­bin­dung mit dem Über­ein­kom­men vom 10. Juni 1958 über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Schieds­sprü­che2) — sach­lich-recht­li­che Ein­wen­dun­gen gegen den im Schieds­spruch fest­ge­stell­ten Anspruch zuläs­sig. Aller­dings müs­sen in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 767 Abs. 2 ZPO die Grün­de, auf denen die Ein­wen­dung beruht, grund­sätz­lich nach dem Schieds­ver­fah­ren ent­stan­den sein, das heißt bei einer Auf­rech­nung darf die Auf­rech­nungs­la­ge nicht bereits wäh­rend des Schieds­ver­fah­rens bestan­den haben.

Aufrechnung bei der Vollstreckbarerklärung eines ausländischen Schiedsspruchs

Letz­te­res gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aller­dings nicht aus­nahms­los. Viel­mehr ist die Auf­rech­nung auch mit einer vor Abschluss des Schieds­ver­fah­rens ent­stan­de­nen For­de­rung mög­lich, wenn der Schuld­ner schon vor dem Schieds­ge­richt auf­ge­rech­net bzw. den Auf­rech­nungs­ein­wand erho­ben hat, das Schieds­ge­richt aber über die zur Auf­rech­nung gestell­te For­de­rung — zum Bei­spiel mit der Begrün­dung, es sei für die­se nicht zustän­dig — nicht befun­den hat. Wo ein Schieds­ge­richt sich der Ent­schei­dung über die Auf­rech­nung ent­hält, steht nichts im Wege, den Auf­rech­nungs­ein­wand vor dem ordent­li­chen Gericht zu wie­der­ho­len, gleich­viel ob das Schieds­ge­richt mit Recht oder Unrecht nicht auf die Auf­rech­nung ein­ge­gan­gen ist3. Glei­ches gilt, wenn der Schuld­ner zwar vor dem Schieds­ge­richt nicht auf­ge­rech­net hat, aber fest­steht, dass das Schieds­ge­richt über die Gegen­for­de­rung bei erfolg­ter Auf­rech­nung nicht ent­schie­den hät­te4.

Soweit nach dem Inkraft­tre­ten des Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­set­zes5, durch das unter ande­rem die Zustän­dig­keit für das Ver­fah­ren auf Voll­streck­bar­er­klä­rung eines Schieds­spruchs erst­in­stanz­lich bei den Ober­lan­des­ge­rich­ten ange­sie­delt wor­den ist, ver­ein­zelt in der Recht­spre­chung6 die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, nun­mehr sei­en bestrit­te­ne mate­ri­ell-recht­li­che Ein­wen­dun­gen wie die Auf­rech­nung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren grund­sätz­lich unbe­acht­lich und könn­ten nur zum Gegen­stand einer eigen­stän­di­gen Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge gemacht wer­den, ist dem der Bun­des­ge­richts­hof nicht gefolgt7. Viel­mehr sind auch wei­ter­hin mate­ri­ell-recht­li­che Ein­wen­dun­gen wie die Auf­rech­nung im Umfang der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren zuläs­sig8.

Soweit das Kam­mer­ge­richt für sei­ne gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung maß­geb­lich dar­auf abge­stellt hat, dass die Ober­lan­des­ge­rich­te für die Gel­tend­ma­chung mate­ri­ell-recht­li­cher Ein­wen­dun­gen im Rah­men einer Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge (§ 767 Abs. 1 ZPO) unzu­stän­dig wären, ist dies im Übri­gen feh­ler­haft. Zwar wird teil­wei­se in der Recht­spre­chung9 und in der Lite­ra­tur10 die Mei­nung ver­tre­ten, dass unge­ach­tet der durch das Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­setz begrün­de­ten erst­in­stanz­li­chen Zustän­dig­keit der Ober­lan­des­ge­rich­te für die Voll­streck­bar­er­klä­rung eines Schieds­spruchs zur Ent­schei­dung der Ver­fah­ren nach § 767 Abs. 1 ZPO wei­ter­hin — je nach Streit­wert — die Amts- oder Land­ge­rich­te beru­fen sei­en. Zustän­dig ist jedoch das „Pro­zess­ge­richt des ers­ten Rechts­zugs“, das heißt das Gericht des Vor­pro­zes­ses ers­ter Instanz, in dem der Voll­stre­ckungs­ti­tel geschaf­fen wor­den ist11. Voll­stre­ckungs­ti­tel ist bei der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines Schieds­spruchs aber die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts12. Dem­entspre­chend ist das Ober­lan­des­ge­richt das zustän­di­ge Gericht im Sin­ne des § 767 Abs. 1 ZPO13. Etwas ande­res gilt selbst­ver­ständ­lich, wenn der gel­tend gemach­te Ein­wand sei­ner­seits einer Schieds­ab­re­de unter­liegt; dann ist das Schieds­ge­richt und nicht das Ober­lan­des­ge­richt zur Ent­schei­dung beru­fen14.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2010 — III ZB 5710

  1. BGH, Urtei­le vom 06.02.1957 — V ZR 12655, LM § 1042 ZPO Nr. 4; vom 16.02.1961 — VII ZR 19159, BGHZ 34, 274, 277 ff; vom 12.07.1990 — III ZR 17489, NJW 1990, 3210, 3211; und vom 03.07.1997 — III ZR 7595, NJW-RR 1997, 1289 []
  2. BGBl. 1961 II S. 121 []
  3. BGH, Urteil vom 22.11.1962 — VII ZR 5561, BGHZ 38, 259, 264 ff. []
  4. BGH, Urteil vom 07.01.1965 — VII ZR 24163, NJW 1965, 1138, 1139 []
  5. vom 22.12.1997, BGBl. I S. 3224 []
  6. BayO­bLG NJW-RR 2001, 1363 f; OLG Stutt­gart OLGR 2001, 50, 51 f. []
  7. ableh­nend auch OLG Hamm, NJW-RR 2001, 1362 f; OLG Köln, Schieds­VZ 2005, 163, 165; OLG Dres­den Schieds­VZ 2005, 210, 213; sie­he auch OLG Düs­sel­dorf Schieds­VZ 2005, 214, 215 f und OLG Koblenz Schieds­VZ 2005, 260, 262; vgl. aus der Lite­ra­tur eben­falls ableh­nend Münch-KommZ­PO/A­dolphsen, 3. Aufl., § 1061 Anh. 1 UNÜ, Art. V Rn. 16; Musie-lak/­Voit, ZPO, 7. Aufl., § 1060 Rn. 12; Zöller/Geimer, ZPO, 28. Aufl., § 1029 Rn. 88, § 1061 Rn. 21 []
  8. BGH, Beschlüs­se vom 08.11.2007 — III ZB 9506, Schieds­VZ 2008, 40 Rn. 31 f.; und 29.07.2010 — III ZB 4809; sie­he auch BGH, Beschluss vom 17.01.2008 — III ZB 1107, NJW-RR 2008, 558 Rn. 18 zur Ein­re­de der Insol­venz­an­fech­tung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren []
  9. BayO­bLG aaO S. 1363 []
  10. MünchKommZPO/Münch aaO § 1060 Rn. 38, § 1062 Rn. 9; Musielak/Voit aaO § 1060 Rn. 13 []
  11. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 06.02.1975 — III ZB 1174, LM § 767 ZPO Nr. 42; und vom 17.10.1979 — IV ARZ 4279, NJW 1980, 188, 189 []
  12. vgl. nur BGH, Beschluss vom 28.10.1999 — III ZB 4399, BGHR ZPO § 1064 Abs. 2, 3 Voll­streck­bar­er­klä­rung 1 []
  13. in die­sem Sinn auch OLG Stutt­gart aaO S. 52; OLG Hamm aaO S. 1362; OLG Dres­den aaO; OLG Mün­chen, Beschluss vom 12.11.2007 — 34 Sch 1007, 34 Sch 01007; Münch-KommZ­PO/A­dolphsen aaO § 1061 Anh. 1 UNÜ Art. V Rn. 16; Prütting/Gehrlein/Scheuch, ZPO, 2. Aufl., § 767 Rn. 28 f; Stein/Jonas/Schlosser, ZPO, 22. Aufl., § 1063 Rn. 4; Zöl­ler-Her­get aaO § 767 Rn. 10; Lach­mann, Hand­buch für die Schieds­ge­richts­pra­xis, 3. Aufl., Rn. 2444 ff, 2449 []
  14. BGH, Urteil vom 03.12.1986 — IVb ZR 8085, BGHZ 99, 143, 146 ff; Beschlüs­se vom 19.12.1995 — III ZR 19494, NJW-RR 1996, 508; und vom 08.11.2007, aaO []