Bindung des Insolvenzverwalters an bestehende Schiedsabreden

Der Ver­wal­ter im Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Siche­rungs­ge­bers ist an eine vom Schuld­ner vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens getrof­fe­ne Schieds­ver­ein­ba­rung gebun­den, wenn er die For­de­rung des Siche­rungs­neh­mers nach § 166 Abs. 2 InsO ein­zieht.

Bindung des Insolvenzverwalters an bestehende Schiedsabreden

Nach den „Ein­heits­be­din­gun­gen im deut­schen Getrei­de­han­del“ wer­den alle Strei­tig­kei­ten aus den betrof­fe­nen Ver­trä­gen unter Aus­schluss des ordent­li­chen Rechts­wegs durch einen bei einer Deut­schen Getrei­de- und Pro­dukt­bör­se (Waren­bör­se bzw. Bör­sen­ver­ein) ein­ge­rich­te­ten Schieds­ge­richt ent­schie­den.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall waren die­se Ein­heits­be­din­gun­gen in den Ver­trag ein­be­zo­gen wor­den, die Beklag­te hat­te gegen die Kla­ge des Insol­venz­ver­wal­ters ihres Ver­trags­part­ners die Ein­re­de des Schieds­ver­trags erho­ben.

Der Insol­venz­ver­wal­ter ist an die Schieds­ab­re­den des Insol­venz­schuld­ners gebun­den, wenn er ver­trag­li­che Rech­te gel­tend macht1. Die Schieds­ver­ein­ba­rung ist weder ein gegen­sei­ti­ger Ver­trag (§ 103 InsO) noch ein Auf­trag (§ 114 InsO). Der Ver­wal­ter kann daher weder die Erfül­lung ableh­nen, noch erlischt der Schieds­ver­trag durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens2. Die Schieds­ab­re­de gilt auch im Fest­stel­lungs­rechts­streit3.

Die­ser Grund­satz gilt auch dann, wenn der Ver­wal­ter gemäß § 166 Abs. 2 InsO eine zur Sicher­heit abge­tre­te­ne For­de­rung ein­zieht. Schieds­ab­re­den aus der Zeit vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens erfas­sen zwar nicht sol­che Rech­te des Ver­wal­ters, die sich nicht unmit­tel­bar aus dem vom Schuld­ner geschlos­se­nen Ver­trag erge­ben, son­dern auf der Insol­venz­ord­nung beru­hen. Dazu gehört ins­be­son­de­re die Insol­venz­an­fech­tung4. Der Rück­ge­währ­an­spruch aus Insol­venz­an­fech­tung5 folgt nicht aus dem anfecht­bar geschlos­se­nen Ver­trag, son­dern aus einem selb­stän­di­gen, der Ver­fü­gungs­ge­walt des Schuld­ners ent­zo­ge­nen Recht des Insol­venz­ver­wal­ters6. Der Schuld­ner ist an dem mate­ri­el­len Streit­ver­hält­nis der Insol­venz­an­fech­tungs­an­sprü­che nicht betei­ligt; er kann nicht über sie dis­po­nie­ren7.

Um der­ar­ti­ge Rech­te geht es hier jedoch nicht. Nach § 166 Abs. 2 InsO darf der Ver­wal­ter For­de­run­gen ein­zie­hen oder ver­wer­ten, wel­che der Schuld­ner zur Siche­rung eines Anspruchs abge­tre­ten hat. Nur die­ses Ein­zie­hungs­recht ist dem Ver­wal­ter von der Insol­venz­ord­nung beson­ders ver­lie­hen. Es geht inso­weit über die all­ge­mei­ne Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Ver­wal­ters gemäß § 80 Abs. 1 InsO hin­aus, als es nicht eige­ne For­de­run­gen des Schuld­ners erfasst, son­dern auch sol­che For­de­run­gen, wel­che der Schuld­ner vor der Eröff­nung sicher­heits­hal­ber abge­tre­ten hat. Der Schuld­ner selbst hät­te die­ses Ein­zie­hungs­recht nicht. Auf die ein­zu­zie­hen­de For­de­rung als sol­che, wel­che der Schieds­ab­re­de unter­liegt, wirkt sich das beson­de­re Ein­zie­hungs­recht des Ver­wal­ters gemäß § 166 Abs. 2 InsO jedoch nicht aus. Ein­ge­zo­gen wird die vom Schuld­ner vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­de­te und siche­rungs­hal­ber abge­tre­te­ne For­de­rung. Der Siche­rungs­neh­mer als der Ein­zel­rechts­nach­fol­ger des Schuld­ners (§ 398 Satz 2 BGB) hät­te sich gemäß § 404 BGB die Schieds­ab­re­de ent­ge­gen­hal­ten las­sen müs­sen, wenn er ver­sucht hät­te, die abge­tre­te­ne For­de­rung vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens bei den ordent­li­chen Gerich­ten ein­zu­kla­gen8. Glei­ches gilt für den Ver­wal­ter, der gemäß § 166 Abs. 2 InsO anstel­le des Siche­rungs­neh­mers die For­de­rung ein­zieht. Eben­so wie der Siche­rungs­neh­mer hat er die vom Schuld­ner vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens wirk­sam geschaf­fe­ne Rechts­la­ge inso­weit hin­zu­neh­men.

Die Beklag­te ist vor­lie­gend auch nicht nach § 1 Abs. 2 der „Ein­heits­be­din­gun­gen im deut­schen Getrei­de­han­del“ gehin­dert, sich auf die Schieds­ab­re­de zu beru­fen. Nach die­ser Bestim­mung bleibt dem Gläu­bi­ger das Recht vor­be­hal­ten, sol­che For­de­run­gen, gegen die bis zum Tage der Kla­ge­er­he­bung kein Ein­wand gel­tend gemacht wur­de, vor den ordent­li­chen Gerich­ten ein­zu­kla­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. April 2013 — IX ZR 4912

  1. RGZ 137, 109, 111; BGH, Urteil vom 28.02.1957 — VII ZR 20456, BGHZ 24, 15, 18; Beschluss vom 29.01.2009 — III ZB 8807, BGHZ 179, 304 Rn. 11; Wag­ner, KTS 2010, 39, 41 f []
  2. BGH, Beschluss vom 20.11.2003 — III ZB 2403, ZIn­sO 2004, 88 []
  3. BGH, Beschluss vom 29.01.2009, aaO; Wag­ner, aaO, S. 44 f []
  4. BGH, Urteil vom 17.10.1956 — IV ZR 13756, NJW 1956, 1920, 1921; Beschluss vom 17.01.2008 — III ZB 1107, ZIP 2008, 478 Rn. 17; vom 30.06.2011 — III ZB 5910, NZI 2011, 634 Rn. 14 []
  5. § 143 Abs. 1 InsO []
  6. BGH, Beschluss vom 17.01.2008, aaO; Wagner/Braem, KTS 2009, 242, 245 []
  7. Ber­ger, ZIn­sO 2009, 1033, 1037; Wag­ner, KTS 2010, 39, 48 []
  8. vgl. BGH, Urteil vom 02.03.1978 — III ZR 9976, BGHZ 71, 162, 165 f; vom 02.10.1997 — III ZR 296, NJW 1998, 371 []