Das verzögerte Schiedsgutachten

Unter­lässt die nach dem Gesell­schafts­ver­trag hier­zu ver­pflich­te­te Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts über einen außer­halb objek­tiv ange­mes­se­ner Zeit lie­gen­den Zeit­raum (hier: fast zwei Jah­re) die Benen­nung eines Schieds­gut­ach­ters und die Ein­ho­lung des Gut­ach­tens über die zwi­schen ihr und dem aus­ge­schie­de­nen Gesell­schaf­ter strei­ti­ge Höhe des Abfin­dungs­gut­ha­bens, kann der Aus­ge­schie­de­ne auf Zah­lung des ihm sei­ner Ansicht nach zuste­hen­den Abfin­dungs­gut­ha­bens kla­gen. Das ange­ru­fe­ne Gericht hat die Bestim­mung der Leis­tung — falls erfor­der­lich mit sach­ver­stän­di­ger Hil­fe — durch Urteil zu tref­fen; eine Abwei­sung der Kla­ge als zur Zeit unbe­grün­det ist nicht (mehr) zuläs­sig.

Das verzögerte Schiedsgutachten

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­ten die Par­tei­en haben im Gesell­schafts­ver­trag ver­ein­bart, dass bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die Höhe des Abfin­dungs­gut­ha­bens die­ses von einem Wirt­schafts­prü­fer als Schieds­gut­ach­ter auf der Basis des Gesell­schafts­ver­trags ermit­telt wer­den soll. Es ent­spricht auch all­ge­mei­ner Mei­nung, dass eine Kla­ge ins­ge­samt als ver­früht („als zur Zeit unbe­grün­det“) abzu­wei­sen ist, wenn der — wie hier — beweis­pflich­ti­ge Klä­ger die rechts­er­heb­li­che Tat­sa­che, deren Fest­stel­lung dem Schieds­gut­ach­ter über­tra­gen ist, nicht durch Vor­la­ge des Schieds­gut­ach­tens nach­weist1.

Im ent­schie­de­nen Fall oblag es nach den Bestim­mun­gen des Gesell­schafts­ver­trags jedoch der Gesell­schaft, durch die geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­te­rin den Schieds­gut­ach­ter zu benen­nen und damit zu beauf­tra­gen, das Schieds­gut­ach­ten über die Höhe des Abfin­dungs­gut­ha­bens zu erstel­len. Unter­lässt — wie hier — die hier­zu befug­te und ver­pflich­te­te Ver­trags­par­tei über einen Zeit­raum von fast zwei Jah­ren und damit außer­halb objek­tiv ange­mes­se­ner Zeit2 die Benen­nung des Schieds­gut­ach­ters und die Ein­ho­lung des Gut­ach­tens, ent­spricht es all­ge­mei­ner Mei­nung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur, § 319 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 2 BGB ent­spre­chend anzu­wen­den. Nach § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB hat die Bestim­mung der Leis­tung durch Urteil des ange­ru­fe­nen Gerichts zu erfol­gen, wenn der Drit­te, dem die Bestim­mung obliegt, die­se ver­zö­gert. Die Vor­schrift gilt ent­spre­chend, wenn die Ver­zö­ge­rung der Leis­tungs­be­stim­mung, die kein Ver­schul­den vor­aus­setzt, auf der Nicht­be­nen­nung des bestim­mungs­be­rech­tig­ten Drit­ten durch eine hier­zu ver­pflich­te­te Ver­trags­par­tei beruht3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Juni 2011 — II ZR 18608

  1. BGH, Urteil vom 23.05.1960 — II ZR 7558, NJW 1960, 1462, 1463; Urteil vom 08.06.1988 — VIII ZR 10587, WM 1988, 1500, 1503 m.w.N. []
  2. vgl. RG JW 1912, 386 Nr. 6; BGH, Urteil vom 30.03.1979 — V ZR 15077, BGHZ 74, 341, 345 []
  3. BGH, Urteil vom 17.03.1971 — IV ZR 20969, NJW 1971, 1455, 1456; Urteil vom 02.02.1977 — VIII ZR 27175, WM 1977, 418; Urteil vom 30.03.1979 — V ZR 15077, BGHZ 74, 341, 344 f.; MünchKommBGB/Gottwald, 05. Aufl., § 319 Rn. 22; Erman/J. Hager, BGB, 12. Aufl., § 319 Rn. 11 m.w.N. []