Konkretisierung eines ausländischen Schiedsspruchs

In einer aktu­el­len Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof zur Zuläs­sig­keit der Kon­kre­ti­sie­rung einer schieds­ge­richt­li­chen Zins- und Kos­ten­ent­schei­dung im Ver­fah­ren der Voll­streck­bar­er­klä­rung eines aus­län­di­schen Schieds­spruchs Stel­lung genom­men:

Konkretisierung eines ausländischen Schiedsspruchs

Im kon­kre­ten Fall hat der Antrags­geg­ner (Schieds­klä­ger) die Antrag­stel­le­rin (Schieds­be­klag­te) vor dem stän­di­gen Schieds­ge­richt in B. (Tri­bu­nal Arbi­tral de B. , TAB) auf Zah­lung von Pro­vi­sio­nen in Anspruch genom­men. Die Antrag­stel­le­rin hat den Antrags­geg­ner zunächst erfolg­los zur Zah­lung der Anwalts- und Gerichts­kos­ten auf­ge­for­dert. Sie begehrt nun­mehr, die Schieds­sprü­che anzu­er­ken­nen und dar­aus 10.214,73 € Gerichts­kos­ten sowie 24.145,15 € Anwalts­kos­ten nebst 4% Zin­sen seit dem 24. April 2009 gegen den Antrags­geg­ner für voll­streck­bar zu erklä­ren. Mit Beschluss vom 1. März 2011 hat das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf die Schieds­sprü­che vom 25. Novem­ber und 19. Dezem­ber 2008 aner­kannt und in ihrer wört­li­chen Fas­sung für voll­streck­bar erklärt, dage­gen das wei­ter­ge­hen­de Begeh­ren der Antrag­stel­le­rin bezüg­lich der Bezif­fe­rung der Gerichts­kos­ten und der Zin­sen zurück­ge­wie­sen1. Gegen die­se Ent­schei­dung wen­det sich die Antrag­stel­le­rin mit ihrer Rechts­be­schwer­de.

Nach deut­schem Voll­stre­ckungs­recht muss ein Voll­stre­ckungs­ti­tel den durch­zu­set­zen­den Anspruch des Gläu­bi­gers aus­wei­sen und Inhalt sowie Umfang der Leis­tungs­pflicht bezeich­nen. Zwar hat not­falls das Voll­stre­ckungs­or­gan den Titel aus­zu­le­gen. Dazu muss die­ser jedoch aus sich her­aus für eine Aus­le­gung genü­gend bestimmt sein oder jeden­falls sämt­li­che Kri­te­ri­en für sei­ne Bestimm­bar­keit ein­deu­tig fest­le­gen2. Die­se Anfor­de­run­gen bezie­hen sich aller­dings nur auf die deut­sche Ent­schei­dung über die Voll­streck­bar­keit, nicht auf die zu voll­stre­cken­de aus­län­di­sche Ent­schei­dung3. Denn Voll­stre­ckungs­ti­tel ist allein die Ent­schei­dung über die Voll­streck­bar­er­klä­rung, nicht der Schieds­spruch (§ 794 Abs. 1 Nr. 4a ZPO4 ). Daher ist es nicht gebo­ten, aus­län­di­sche Ent­schei­dun­gen, die den inner­staat­li­chen Bestimmt­heits­an­for­de­run­gen für Voll­stre­ckungs­ti­tel nicht genü­gen, allein des­halb nicht für voll­streck­bar zu erklä­ren. Viel­mehr ist in sol­chen Fäl­len — gege­be­nen­falls nach Durch­füh­rung einer Beweis­auf­nah­me zum aus­län­di­schen Recht — der aus­län­di­sche Titel so zu kon­kre­ti­sie­ren, dass er die glei­chen Wir­kun­gen wie ein ent­spre­chen­der deut­scher Titel äußern kann5. Nur wenn dies im Ein­zel­fall nicht zuver­läs­sig mög­lich ist, muss der Antrag zurück­ge­wie­sen wer­den, weil es dem deut­schen ord­re public wider­spre­chen wür­de, eine zu voll­stre­cken­de Anord­nung zu erlas­sen, die von den Voll­stre­ckungs­or­ga­nen nicht aus­ge­führt wer­den kann6. Aller­dings darf das deut­sche Gericht nicht sei­ne eige­ne Ent­schei­dung an die Stel­le der des Schieds­ge­richts set­zen oder die­se inhalt­lich ver­än­dern, son­dern nur den in der aus­län­di­schen Ent­schei­dung bereits — wenn auch unvoll­kom­men und für eine Voll­stre­ckung noch nicht aus­rei­chend bestimmt — zum Aus­druck kom­men­den Wil­len ver­deut­li­chen und inso­weit die­sem zur Wirk­sam­keit ver­hel­fen.

Dem­entspre­chend kann im Fal­le des Feh­lens einer Kos­ten- oder Zins­ent­schei­dung die­se im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren nicht nach­ge­holt wer­den. Hier­um geht es im vor­lie­gen­den Fall jedoch nicht:

Das Schieds­ge­richt hat am 19. Dezem­ber 2008 ent­schie­den, dass in den nach der Kos­ten­grund­ent­schei­dung vom 25. Novem­ber 2008 vom Antrags­geg­ner (Schieds­klä­ger) zu tra­gen­den Kos­ten die Gerichts­kos­ten gemäß der Abrech­nung des Schieds­ge­richts ent­hal­ten sind. Die Höhe der auf sie ent­fal­len­den und von ihr bezahl­ten Kos­ten hat die Antrag­stel­le­rin durch Vor­la­ge einer Bestä­ti­gung des Schieds­ge­richts nach­ge­wie­sen. Soweit der Antrags­geg­ner im Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt mit Schrift­satz vom 16. Novem­ber 2010 ein­ge­wandt hat, das Schieds­ge­richt habe kei­ne Mehr­wert­steu­er berech­net, so dass sich der von ihm zu erstat­ten­de Betrag nur auf 8.805,80 € net­to belau­fe, steht dem schon der Inhalt der Bestä­ti­gung ent­ge­gen. Im Übri­gen hat die Antrag­stel­le­rin mit Schrift­satz vom 23. Dezem­ber 2010 im Ein­zel­nen und unter Bei­fü­gung wei­te­rer Bele­ge dar­ge­legt, dass das Schieds­ge­richt Mehr­wert­steu­er in Rech­nung gestellt hat. Dem ist der Antrags­geg­ner in der Fol­ge­zeit sub­stan­ti­ell auch nicht mehr ent­ge­gen­ge­tre­ten. Woll­te man im Übri­gen ent­ge­gen dem Inhalt des Schieds­spruchs aus den Gerichts­kos­ten die Mehr­wert­steu­er her­aus­rech­nen, lie­fe dies auf eine im Ver­fah­ren der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Schieds­sprü­chen unzu­läs­si­ge révi­si­on au fond hin­aus. Dem­entspre­chend ist der Schieds­spruch vom 19. Dezem­ber 2008 dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass der Antrags­geg­ner an die Antrag­stel­le­rin 10.214,73 € Gerichts­kos­ten zu bezah­len hat. Die­se Fest­stel­lung kann der Bun­des­ge­richts­hof selbst vor­neh­men. Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt ist unbe­schränkt dazu befugt, einen Schieds­spruch aus­zu­le­gen7.

Nach dem Inhalt des Schieds­spruchs vom 19. Dezem­ber 2008 ste­hen der Antrag­stel­le­rin gegen den Antrags­geg­ner auf die fest­ge­setz­ten Anwalts­ho­no­ra­re „ent­spre­chen­de“ Zin­sen ab dem Datum, zu dem die beglau­big­te Ein­for­de­rung der Zah­lung der­sel­ben erfolgt ist, bis zum Zeit­punkt der Zah­lung zu. Den Beginn der Zins­pflicht hat die Antrag­stel­le­rin durch Nach­weis der Zustel­lung der Zah­lungs­auf­for­de­rung belegt. Was die Höhe der Zin­sen anbe­trifft, hät­te das Ober­lan­des­ge­richt im Rah­men des § 293 ZPO dem Vor­trag der Antrag­stel­le­rin nach­ge­hen müs­sen, ob nach spa­ni­schem Recht bezie­hungs­wei­se spa­ni­scher Rechts­pra­xis unter „ent­spre­chen­de“ Zin­sen die gesetz­li­chen Zin­sen zu ver­ste­hen sind8. Trifft dies zu und beträgt die Höhe die­ser Zin­sen 4 %, steht einer ent­spre­chen­den Kon­kre­ti­sie­rung des Schieds­spruchs nichts ent­ge­gen. Denn es ist aner­kannt, dass in Fäl­len, in denen der aus­län­di­sche Titel auf die gesetz­li­chen Zin­sen ver­weist, ohne die­se näher zu bezif­fern, eine ent­spre­chen­de Ergän­zung im Voll­streck­bar­er­klä­rungs­ver­fah­ren mög­lich ist9. Inso­weit han­delt es sich nicht um eine unzu­läs­si­ge Auf­fül­lung des Schieds­spruchs, son­dern um die Aner­ken­nung der Wir­kung, die dem Schieds­spruch nach dem aus­län­di­schen Recht zukommt10. Um die­se Prü­fung nach­zu­ho­len, war der ange­foch­te­ne Beschluss bezüg­lich der Zin­sen auf­zu­he­ben und das Ver­fah­ren an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Novem­ber 2011 — III ZB 1911

  1. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 01.03.2011 — I-4 Sch 1110 []
  2. vgl. BGH, Urteil vom 06.11.1985 — IVb ZR 7384, NJW 1986, 1440 []
  3. vgl. BGH, aaO; Beschluss vom 04.03.1993 — IX ZB 5592, BGHZ 122, 16, 18 []
  4. sie­he auch BT-Drucks. 135274, S. 61 []
  5. vgl. BGH, aaO S. 1441 und S. 18 ff; Beschluss vom 21.12.2010 — IX ZB 2810 []
  6. BGH, Beschluss vom 04.03.1993, aaO S. 19 []
  7. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 08.11.2007 — III ZB 9506, Schieds­VZ 2008, 40 Rn. 14 und 29.01.2009 — III ZB 8807, BGHZ 179, 304 Rn. 17 mwN []
  8. sie­he auch BGH, Urteil vom 30.01.2001 — XI ZR 35799, ZIP 2001, 675, zur Aus­le­gung der For­mu­lie­rung „zuzüg­lich der anfal­len­den Zin­sen“ in einem spa­ni­schen Amts­ge­richts­ur­teil []
  9. vgl. BGH, Urteil vom 06.11.1985, aaO S. 1441; Beschlüs­se vom 05.04.1990 — IX ZB 6889, NJW 1990, 3084, 3085, vom 04.03.1993, aaO S. 20 und vom 27.05.1993 — IX ZB 7892 []
  10. vgl. BGH, Urteil vom 06.11.1985, aaO S. 1441 []