Meistbegünstigungsgrundsatz bei der Vollstreckbarerklärung ausländischer Schiedssprüche

Nach Maß­ga­be des Meist­be­güns­ti­gungs­grund­sat­zes in Art. VII Abs. 1 des UN-Über­ein­kom­mens über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Schieds­sprü­che (UNÜ) ist ein aus­län­di­scher Schieds­spruch (auch) dann für voll­streck­bar zu erklä­ren, wenn er der für inner­staat­li­che Schieds­sprü­che gel­ten­den Form­vor­schrift des § 1031 ZPO genügt.

Meistbegünstigungsgrundsatz bei der Vollstreckbarerklärung ausländischer Schiedssprüche

Der Meist­be­güns­ti­gungs­grund­satz des Art. VII Abs. 1 UNÜ erlaubt die Anwen­dung des im Ver­hält­nis zu Art. II Abs. 2 UNÜ hin­sicht­lich der Form­erfor­der­nis­se weni­ger stren­gen § 1031 Abs. 2, 3 ZPO. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass das natio­na­le Recht hin­sicht­lich der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Schieds­sprü­che — abge­se­hen von ver­ein­zel­ten eigen­stän­di­gen Rege­lun­gen, wie etwa bezüg­lich der Vor­la­ge­pflicht in § 1064 Abs. 1, Abs. 3 ZPO1 — in § 1061 Abs. 1 Satz 1 ZPO pau­schal auf das UNÜ ver­weist.

Nach § 1061 Abs. 1 Satz 1 ZPO rich­tet sich die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di­scher Schieds­sprü­che nach dem UNÜ. Die­ses ent­hält in Art. VII Abs. 1 die Rege­lung, dass die Bestim­mun­gen des Abkom­mens — und damit auch die Vor­ga­ben über die Form einer Schieds­ver­ein­ba­rung in Art. II — kei­ner betei­lig­ten Par­tei das Recht neh­men, sich auf einen Schieds­spruch nach Maß­ga­be des inner­staat­li­chen Rechts oder der Ver­trä­ge des Lan­des, in dem er gel­tend gemacht wird, zu beru­fen. Das UNÜ lässt mit­hin die Anwen­dung natio­na­len Rechts zu, soweit es für die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung aus­län­di-scher Schieds­sprü­che güns­ti­ger ist (soge­nann­ter Meist­be­güns­ti­gungs­grund­satz). Da § 1061 Abs. 1 Satz 1 ZPO aber allein auf das UNÜ Bezug nimmt, stellt sich die Fra­ge, ob der Ver­weis in Art. VII Abs. 1 UNÜ bezüg­lich des inner­staat­li­chen Rechts inso­weit ins Lee­re geht2 oder ob der Meist­be­güns­ti­gungs­grund­satz dahin zu ver­ste­hen ist, dass er — unter Durch­bre­chung der Rück­ver­wei­sung des natio­na­len Rechts auf das UNÜ — die Anwen­dung einer im Ver­gleich zu Art. II Abs. 2 UNÜ weni­ger form­stren­gen natio­na­len Vor­schrift, wie der an sich nach § 1025 Abs. 1 ZPO für inner­staat­li­che Schieds­sprü­che gel­ten­den Rege­lung in § 1031 ZPO, erlaubt (in die­sem Sinn Prüt­tin­g/Gehr­lein/Ra­eschke-Kess­ler, ZPO, 2. Aufl., § 1061 Rn. 14 f; MünchKommZPO/Adolphsen, 3. Aufl., § 1061 Anh. 1 UNÜ, Art. II Rn. 18; Stein/Jonas/Schlosser, ZPO, 22. Aufl., Anh. § 1061 Rn. 50, 76, 159; Lach­mann, Hand­buch für die Schieds­ge­richts­pra­xis, 3. Aufl., Kap. 27 Rn. 2564; Kröll ZZP 2004, 453, 469 ff, 477 f.)). In der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung über­wiegt letz­te­re Auf­fas­sung3. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Streit­fra­ge bis­her nicht ent­schie­den, aller­dings in sei­nem Beschluss vom 21. Sep­tem­ber 20054 bereits ange­merkt, dass für ein sol­ches aner­ken­nungs­freund­li­che­res Ver­ständ­nis des Meist­be­güns­ti­gungs­grund­sat­zes viel spricht.

Die Annah­me, dass das in Art. VII Abs. 1 UNÜ ver­an­ker­te Meist­be­güns­ti­gungs­prin­zip auf­grund der Ver­wei­sung in § 1061 Abs. 1 Satz 1 ZPO auf das UNÜ bedeu­tungs­los sei, wür­de dazu füh­ren, dass in Deutsch­land aus­län­di­sche Schieds­sprü­che bezüg­lich ihrer Voll­streck­bar­keit schlech­ter behan­delt wer­den als inlän­di­sche. Die Anfor­de­run­gen an die Form einer Schieds­ver­ein­ba­rung wür­den dann davon abhän­gen, ob der Ort des Schieds­ver­fah­rens, den im Rah­men des § 1043 Abs. 1 ZPO die Par­tei­en, hilfs­wei­se das Schieds­ge­richt fest­legt, in Deutsch­land oder im Aus­land liegt (§ 1025 Abs. 1 ZPO). Dies steht in Wider­spruch zu Sinn und Zweck sowohl des Art. VII Abs. 1 UNÜ als auch des § 1061 Abs. 1 Satz 1 ZPO.

Durch das UNÜ soll­te die Durch­set­zung von Schieds­ver­ein­ba­run­gen inter­na­tio­nal erleich­tert wer­den. Bezweckt war dage­gen nicht die Auf­stel­lung stren­ge­rer Vor­schrif­ten als im natio­na­len Recht5. Art. II ent­hielt dabei Form­erfor­der­nis­se, die zu dem dama­li­gen Zeit­punkt (im Jahr 1958) ver­gleichs­wei­se libe­ral waren und in ihrer Stren­ge deut­lich hin­ter denen vie­ler natio­na­ler Rech­te zurück­blie­ben6. Seit­her haben im Rah­men einer schieds­freund­li­che­rer Grund­hal­tung vie­le Rechts­ord­nun­gen ihre Form­erfor­der­nis­se dahin­ge­hend gelo­ckert, dass sie nun gerin­ge­re Anfor­de­run­gen stel­len als Art. II UNÜ7. Die­ser His­to­rie wider­spricht eine Aus­le­gung, durch die Art. II UNÜ ent­ge­gen sei­ner ursprüng­li­chen Inten­ti­on zu einem Aner­ken­nungs­hin­der­nis wird.

Ergän­zend ist inso­weit auf die Aus­le­gungs­emp­feh­lung der Kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen für Inter­na­tio­na­les Han­dels­recht (UNCITRAL) für die natio­na­len Gerich­te aus dem Jahr 2006 hin­zu­wei­sen, die auf den Zweck der Meist­be­güns­ti­gungs­re­ge­lung im Sin­ne einer mög­lichst weit­ge­hen­den Durch­set­zung von aus­län­di­schen Schieds­sprü­chen hin­weist, die zuläs­si­gen Form­mög­lich­kei­ten in Art. II Abs. 2 UNÜ als nicht abschlie­ßend beschreibt und emp­fiehlt, die Meist­be­güns­ti­gungs­klau­sel über die Schieds­sprü­che hin­aus auch auf die Schieds­ver­ein­ba­run­gen anzu­wen­den8. Zugleich hat die UNCITRAL eine Ände­rung von Art. 7 des UNCI­TRAL-Modell­ge­set­zes über die Inter­na­tio­na­le Han­dels­schieds­ge­richts­bar­keit9 beschlos­sen, die zu einer Auf­wei­chung der bis­he­ri­gen Form­erfor­der­nis­se in die­sem von der Voll­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen bereits 1985 den Mit­glieds­staa­ten zur Annah­me emp­foh­le­nen Mus­ter­ge­setz für das Schieds­ver­fah­rens­recht der Län­der führt. Im Modell­ge­setz wer­den nun­mehr zwei Alter­na­ti­ven vor­ge­schla­gen, von denen eine auf jedes Schrift­form­erfor­der­nis ver­zich­tet, die ande­re Erleich­te­run­gen der Schrift­form vor­sieht10.

Das inter­na­tio­na­le Recht legt des­halb eine wei­te Aus­le­gung des Meist­be­güns­ti­gungs­grund­sat­zes nahe und spricht dafür, aner­ken­nungs­freund­li­che­re natio­na­le Rege­lun­gen für inlän­di­sche Schieds­sprü­che auch auf aus­län­di­sche Schieds­sprü­che anzu­wen­den.

Dass der deut­sche Gesetz­ge­ber durch das Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­setz11 aus­län­di­sche Schieds­sprü­che inso­weit schlech­ter als inlän­di­sche stel­len und die nach altem Recht unge­ach­tet Art. II UNÜ zuläs­si­ge Beru­fung auf inner­staat­li­che, weni­ger stren­ge Form­vor­schrif­ten12 abschaf­fen woll­te, ist nicht ersicht­lich. Viel­mehr dien­te — zur Schaf­fung eines zeit­ge­mä­ßen und den inter­na­tio­na­len Rah­men­be­din­gun­gen ange­pass­ten Schieds­ver­fah­rens­rechts — das UNCI­TRAL-Modell­ge­setz als Vor­bild für das neue deut­sche Recht13. Das UNCI­TRAL-Modell­ge­setz ent­hält einen Gleich­lauf der Form­vor­schrif­ten14. Denn die nach Art. 1 Abs. 2 für inlän­di­sche Schieds­ver­fah­ren gel­ten­de Bestim­mung des Art. 7 über die Form einer Schieds­ver­ein­ba­rung wird im Kapi­tal VIII über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Schieds­sprü­chen aus­drück­lich in Bezug genom­men (Art. 36 Abs. 1 a i). Art. 36 gilt aber nach Art. 1 Abs. 2, Art. 35 Abs. 1, Art. 36 Abs. 1 unab­hän­gig davon, in wel­chem Land der Schieds­spruch erlas­sen wur­de. Dass der deut­sche Gesetz­ge­ber dies durch die Bezug­nah­me in § 1061 Abs. 1 Satz 1 ZPO auf das UNÜ anders regeln woll­te, ist nicht erkenn­bar.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2010 — III ZB 6909

  1. vgl. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 25.09.2003 — III ZB 6802, NJW-RR 2004, 1504 f. []
  2. in die­sem Sinn etwa Musielak/Voit, ZPO, 7. Aufl., § 1031 Rn. 18 und § 1061 Rn. 14; Zöller/Geimer, ZPO, 28. Aufl., § 1031 Rn. 25, nicht ein­deu­tig aber § 1061 Rn. 22a; MünchKommZPO/Münch, 3. Aufl., § 1061 Rn. 19, unklar § 1031 Rn. 22 f; Mall­mann, Schieds­VZ 2004, 152, 156; Mol­ler, NZG 1999, 143, 145 []
  3. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 14.12.2006 — 8 Sch 1405, S. 10 f.; sie­he auch — im jeweils kon­kre­ten Fall die Erfül­lung der Form­erfor­der­nis­se des § 1031 ZPO aber ver­nei­nend — OLG Ros­tock, IPRax 2002, 401, 404; BayO­bLG, NJW-RR 2003, 719, 720; OLG Olden­burg, Beschluss vom 01.02.2005 — 9 Sch 304; offen gelas­sen vom OLG Bran­den­burg, IPRax 2003, 349, 351; zwei­felnd OLG Frank­furt am Main, IPRax 2008, 517, 518 []
  4. BGH, Beschluss vom 21.09.2005 — III ZB 1805, NJW 2005, 3499, 3500 []
  5. vgl. nur MünchKommZPO/ Adolphsen, aaO; Mall­mann aaO S. 155 []
  6. vgl. Kröll, aaO S. 475; der­sel­be in Schieds­VZ 2009, 40, 41, 45 []
  7. vgl. Kröll, jeweils aaO []
  8. UN, Gene­ral Assem­bly Reso­lu­ti­on 6133 vom 04.12.2006, Offi­ci­al Records, Six­ty-first ses­si­on, Sup­ple­ment No. 17, A/61/17, Annex II; vgl. auch Kröll, Schieds­VZ 2009, 40, 46 []
  9. UN, Offi­ci­al Records of the Gene­ral Assem­bly, For­tieth Ses­si­on, Sup­ple­ment No. 17, A/40/17, Annex I []
  10. UN, Gene­ral Assem­bly Reso­lu­ti­on 6133 aaO, Annex I; vgl. auch Kröll, aaO m.w.N. []
  11. vom 22.12.1997, BGBl. I 1997, S. 3224 []
  12. vgl. BGH, Urteil vom 03.12.1992 — III ZR 3091, NJW 1993, 1798 zum form­los — kraft Han­dels­brauch — abge­schlos­se­nen Schieds­ver­trag []
  13. vgl. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung´, BT-Drs. 135274 S. 1, 23 ff; Bericht des Rechts­aus­schus­ses vom 12. Novem­ber 1997, BT-Drs. 139124, S. 44 f. []
  14. sie­he auch Kröll, ZZP 2004, 453, 476 []