Obligatorische Streitschlichtung bei Klagerhebung vor dem sachlich unzuständigen Gericht

Erfasst wer­den von § 1 SchlG BW Kla­gen, die vor dem Amts­ge­richt erho­ben wer­den. Die­ser Anwen­dungs­be­reich erstreckt sich auch auf sol­che Kla­gen, die rich­ti­ger­wei­se vor dem Amts­ge­richt hät­ten erho­ben wer­den müs­sen und allein auf­grund einer Höher­be­wer­tung des Streit­werts durch den Klä­ger vor dem Land­ge­richt erho­ben wur­den.

Obligatorische Streitschlichtung bei Klagerhebung vor dem sachlich unzuständigen Gericht

Nur wenn man die­ses Ver­ständ­nis der Norm zugrun­de legt, wird der Ziel­set­zung des § 15 a EGZPO genügt. Ange­sichts des stän­dig stei­gen­den Geschäfts­an­falls bei den Gerich­ten sind näm­lich sol­che Insti­tu­tio­nen zu för­dern, die im Vor­feld der Gerich­te Kon­flik­te bei­le­gen und neben der Ent­las­tung der Jus­tiz durch eine Inan­spruch­nah­me von Schlich­tungs­stel­len Kon­flik­te rascher und kos­ten­güns­ti­ger berei­ni­gen. Die­ses Ziel kann nur erreicht wer­den, wenn die Ver­fah­rens­vor­schrift des § 15 a EGZPO kon­se­quent der­art aus­ge­legt wird, dass die Rechts­su­chen­den und die Anwalt­schaft in den durch Lan­des­ge­setz vor­ge­ge­be­nen Fäl­len vor Anru­fung der Gerich­te auch tat­säch­lich den Weg zur Schlich­tungs­stel­le beschrei­ten müs­sen1.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Stutt­gart ent­spricht die hier zur Beur­tei­lung ste­hen­de Sach­ver­halts­kon­stel­la­ti­on den Fäl­len einer sub­jek­ti­ven bzw. objek­ti­ven Kla­ge­häu­fung. In die­sen Fäl­len hat der Bun­des­ge­richts­hof2 jeweils unter Hin­weis auf die Ziel­set­zung von § 15 a EGZPO die Durch­füh­rung eines Schlich­tungs­ver­fah­rens für erfor­der­lich gehal­ten.

Lie­ße man ein Schlich­tungs­ver­fah­ren in den Fäl­len ent­behr­lich wer­den, in denen die Kla­ge tat­säch­lich vor dem Land­ge­richt erho­ben wur­de, obwohl sie rich­ti­ger­wei­se vor dem Amts­ge­richt hät­te erho­ben wer­den müs­sen, wür­de eine Mög­lich­keit der ein­fa­chen Umge­hung des Eini­gungs­ver­su­ches eröff­net3. Inso­weit ist eine gene­ra­li­sie­ren­de Betrach­tungs­wei­se vor­zu­neh­men. In jedem Ein­zel­fall zu prü­fen, ob miss­bräuch­lich ein zu hoher Streit­wert ange­nom­men wur­de, um die Kla­ge vor dem Land­ge­richt erhe­ben zu kön­nen, ent­sprä­che nicht dem Wort­laut und der Ziel­rich­tung der gesetz­li­chen Rege­lung und wür­de zu einer nicht wün­schens­wer­ten pro­zes­sua­len Rechts­un­klar­heit füh­ren4.

Die hier ver­tre­te­ne Ansicht wider­spricht nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Stutt­gart auch nicht der Pro­zess­öko­no­mie. Denn pro­zess­öko­no­mi­sche Über­le­gun­gen dür­fen sich nicht nur auf den Ein­zel­fall bezie­hen, son­dern müs­sen die vom Gesetz­ge­ber ange­streb­te Neu­re­ge­lung des Ver­fah­rens­gangs unter Ein­schluss des obli­ga­to­ri­schen Schlich­tungs­ver­fah­ren berück­sich­ti­gen5.

Soweit die Gegen­an­sicht gel­tend macht, dass in Fäl­len, in denen das Gericht eines Lan­des ohne obli­ga­to­ri­sche Schlich­tungs­ver­fah­ren wegen ört­li­cher Unzu­stän­dig­keit an ein Gericht eines Lan­des mit obli­ga­to­ri­schen Schlich­tungs­ver­fah­ren ver­weist, die Durch­füh­rung eines Schlich­tungs­ver­fah­rens ent­behr­lich sei6, kann letzt­lich dahin­ge­stellt blei­ben, ob die­ser Mei­nung gefolgt wer­den kann7, da nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Stutt­gart eine nicht ver­gleich­ba­re Sach­ver­halts­kon­stel­la­ti­on vor­liegt. Im Hin­blick auf rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten, ist es leicht mög­lich — gera­de bei Strei­tig­kei­ten über Ansprü­che wegen Ver­let­zung der per­sön­li­chen Ehre- , einen über­höh­ten Streit­wert anzu­neh­men und so zur Zustän­dig­keit des Land­ge­richts und mit­hin zur Ent­behr­lich­keit des Schlich­tungs­ver­fah­rens zu gelan­gen. Hier­mit nicht ver­gleich­bar ist es, die ört­li­che Zustän­dig­keit des Gerich­tes eines Lan­des ohne obli­ga­to­ri­sches Schlich­tungs­ver­fah­ren zu begrün­den.

Land­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 7. März 2012 — 3 S 9111

  1. BGH, Urteil vom 19.10.2010 — VI ZR 1109 []
  2. BGH, Urteil vom 19.10.2010 — VI ZR 1109; BGH, NJW-RR 2009, 1239 []
  3. vgl. hier­zu BGH, NJW-RR 2009, 1239 Rz.11 []
  4. BGH, aaO, Rz. 13 []
  5. LG Kiel, Urteil vom 27.04.2006 — 1 S 27805, SchlHA 2006, 359 ff., unter Hin­weis auf BGH NJW 2005, 437, 439 []
  6. so Heß­ler in Zöl­ler, ZPO, 28. Aufl., § 15 a EGZPO, Rn. 18 und § 281 Rn. 15 a []
  7. sie­he hier­zu Unbe­rath JR 2001, 355, 357 []