Schiedsabreden in der Insolvenz

Die grund­sätz­li­che Bin­dung des Insol­venz­ver­wal­ters an eine vom Gemein­schuld­ner vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens abge­schlos­se­ne Schieds­ab­re­de gilt nicht, soweit es um Rech­te des Insol­venz­ver­wal­ters geht, die sich nicht unmit­tel­bar aus dem vom Gemein­schuld­ner abge­schlos­se­nen Ver­trag erge­ben, son­dern auf der Insol­venz­ord­nung beru­hen; zu die­sen selb­stän­di­gen, der Ver­fü­gungs­ge­walt des Gemein­schuld­ners ent­zo­ge­nen Rech­ten gehört nicht nur die Insol­venz­an­fech­tung, son­dern auch das Wahl­recht des Insol­venz­ver­wal­ters aus § 103 InsO.

Schiedsabreden in der Insolvenz

Zwar ist ein Insol­venz­ver­wal­ter grund­sätz­lich an eine von dem Gemein­schuld­ner vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens geschlos­se­ne Schieds­ab­re­de gebun­den1. Dies gilt jedoch dann nicht, wenn es um Rech­te des Insol­venz­ver­wal­ters geht, die sich nicht unmit­tel­bar aus dem vom Gemein­schuld­ner abge­schlos­se­nen Ver­trag erge­ben, son­dern auf der Insol­venz­ord­nung beru­hen und daher insol­venz­spe­zi­fisch sind, mit­hin der Gemein­schuld­ner nicht befugt ist, über sie zu ver­fü­gen oder Ein­fluss dar­auf zu neh­men, wann, in wel­cher Wei­se und bei wel­cher Stel­le sie gel­tend gemacht wer­den2.

Soweit die Antrags­geg­ne­rin unter Hin­weis auf die Kom­men­tie­rung von Uhlenbruck/Hirte3 die Auf­fas­sung ver­tritt, die­se Recht­spre­chung sei durch § 1030 Abs. 1 ZPO n.F. über­holt, kann dem nicht gefolgt wer­den. Zwar setz­te § 1025 Abs. 1 ZPO a.F. für die Schieds­fä­hig­keit eines Anspruchs vor­aus, dass die Par­tei­en berech­tigt waren, über den Gegen­stand des Streits einen Ver­gleich abzu­schlie­ßen. Nun­mehr ist in § 1030 Abs. 1 Satz 1 ZPO die­se Ein­schrän­kung für ver­mö­gens­recht­li­che Ansprü­che ent­fal­len; sie gilt nach Satz 2 nur noch für nicht­ver­mö­gens­recht­li­che Ansprü­che. Die Ände­rung betrifft aber nur die objek­ti­ve Schieds­fä­hig­keit von Ansprü­chen und besagt des­halb unmit­tel­bar nichts dazu, ob und in wel­chem Umfang ein Drit­ter an eine Schieds­ab­re­de gebun­den ist.

Dem­entspre­chend ging es, soweit in der zitier­ten Ent­schei­dung zur Kon­kursan­fech­tung4 davon gespro­chen wur­de, dass der Gemein­schuld­ner kei­nen Ver­gleich über den Anfech­tungs­an­spruch schlie­ßen kön­ne, nicht um die Fra­ge, ob der Anspruch aus Kon­kursan­fech­tung im Sin­ne des § 1025 ZPO a.F. einem Ver­gleich zugäng­lich ist, son­dern dar­um, wem die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über den Anspruch zusteht. § 1030 Abs. 1 Satz 1 ZPO ändert des­halb auch nichts an dem Grund­satz, dass der Insol­venz­ver­wal­ter — eben­so wie vor­mals der Kon­kurs­ver­wal­ter — an eine vom Gemein­schuld­ner abge­schlos­se­ne Schieds­ver­ein­ba­rung nicht gebun­den ist, soweit streit­ge­gen­ständ­lich ein selb­stän­di­ges, der Ver­fü­gungs­ge­walt des Schuld­ners ent­zo­ge­nes Recht des Insol­venz­ver­wal­ters ist5. Die­ser Grund­satz gilt auch für das Wahl­recht des Insol­venz­ver­wal­ters nach § 103 InsO6.

Denn inso­weit han­delt es sich — wie nicht zuletzt § 119 InsO bestä­tigt, wonach Ver­ein­ba­run­gen unwirk­sam sind, durch die im vor­aus die Anwen­dung des § 103 InsO aus­ge­schlos­sen oder beschränkt wird — um kei­ne Befug­nis, die ursprüng­lich der Gemein­schuld­ne­rin zustand und die des­halb Gegen­stand von ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen ein­schließ­lich einer ent­spre­chen­den Schieds­ab­re­de hät­te sein kön­nen, son­dern um ein gesetz­lich dem Insol­venz­ver­wal­ter zuste­hen­des Recht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Juni 2011 — III ZB 5910

  1. vgl. bereits zum Kon­kurs­ver­wal­ter: RGZ 137, 109, 111; BGH, Urteil vom 28.02.1957 — VII ZR 20456, BGHZ 24, 15, 18; zum Insol­venz­ver­wal­ter Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 20.11.2003 — III ZB 2403, ZIn­sO 2004, 88; vom 17.01.2008 — III ZB 1107, NJW-RR 2008, 558 Rn. 17; und vom 29.01.2009 — III ZB 8807, BGHZ 179, 304 Rn. 11 []
  2. vgl. zur Kon­kursan­fech­tung: BGH, Urteil vom 17.10.1956 — IV ZR 13756, NJW 1956, 1920, 1921 []
  3. Uhlenbruck/Hirte, InsO, 13. Aufl., § 143 Rn. 66 []
  4. BGH, Urteil vom 17.10.1956 aaO []
  5. vgl. zur Insol­venz­an­fech­tung Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 20.11.2003 und 17.01.2008, jeweils aaO; sie­he auch Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, aaO § 1029 Rn. 26; MünchKommZPO/Münch, aaO § 1029 Rn. 50; Musielak/Voit, aaO § 1029 Rn. 8; Prüt­ting in Prütting/Gehrlein, aaO § 1025 Rn. 9; HkZPO/ Saen­ger, aaO § 1029 Rn. 22; Stein/Jonas/Schlosser, aaO § 1029 Rn. 35; Zöller/Geimer, aaO § 1029 Rn. 65 []
  6. sie­he Musielak/Voit, aaO § 1029 Rn. 8 und § 1030 Rn. 2; vgl. zu § 17 KO RGZ aaO []