Berufung auf eine unwirksame Schiedsklausel

Ist eine Schieds­ver­ein­ba­rung unwirk­sam, weil sie den Anfor­de­run­gen des § 1031 Abs. 5 ZPO nicht ent­spricht, so ist die Zustän­dig­keit der staat­li­chen Gerich­te auch dann gege­ben, wenn sich der vor die­sen ver­klag­te Ver­brau­cher auf die vom Unter­neh­mer vor­for­mu­lier­te Schieds­ab­re­de beruft.

Berufung auf eine unwirksame Schiedsklausel

Nach § 1031 Abs. 5 Satz 1 ZPO müs­sen Schieds­ver­ein­ba­run­gen, an denen ein Ver­brau­cher betei­ligt ist, in einer von den Par­tei­en eigen­hän­dig unter­zeich­ne­ten Urkun­de ent­hal­ten sein. Die­se darf ande­re Abre­den als sol­che, die sich auf das schieds­rich­ter­li­che Ver­fah­ren bezie­hen, nicht auf­wei­sen; dies gilt nicht bei nota­ri­el­ler Beur­kun­dung (§ 1031 Abs. 5 Satz 3 ZPO).

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war die Schieds­ver­ein­ba­rung in einem Aus­bil­dungs­ver­trag ent­hal­ten und genüg­te damit nicht den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen. Dies führt zur Unwirk­sam­keit der Schieds­klau­sel und damit dazu, dass die ordent­li­chen Gerich­te zur Ent­schei­dung des Rechts­streits zustän­dig sind. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Schieds­ab­re­de vom Klä­ger — dem Aus­bil­dungs­un­ter­neh­men — stammt und sich die Beklag­te als Ver­brau­che­rin auf die­se beruft.

§ 1031 Abs. 5 ZPO ent­hält eine Schutz­vor­schrift für Per­so­nen, die bei dem der Schieds­ver­ein­ba­rung zugrun­de lie­gen­den Geschäft zu einem nicht gewerb­li­chen Zweck han­deln. Durch die gesetz­li­che Rege­lung soll dem betref­fen­den Per­so­nen­kreis in der not­wen­di­gen Deut­lich­keit vor Augen geführt wer­den, dass er auf die Ent­schei­dung eines even­tu­el­len Rechts­streits durch die staat­li­chen Gerich­te ver­zich­tet. Das Erfor­der­nis einer beson­de­ren Urkun­de erfährt ledig­lich für den Fall der nota­ri­el­len Beur­kun­dung eine Aus­nah­me. Denn nach § 17 Abs. 1 BeurkG hat der Notar die Betei­lig­ten über die recht­li­che Trag­wei­te des Geschäfts zu beleh­ren. Die­se Pflicht umfasst alle wesent­li­chen Punk­te, wozu auch eine Schieds­ver­ein­ba­rung gehört. Ange­sichts die­ser Pflicht, von deren Erfül­lung aus­zu­ge­hen ist, bedarf es einer beson­de­ren Urkun­de nicht, da die Beleh­rung des Notars den Par­tei­en die Tat­sa­che des Abschlus­ses einer Schieds­ver­ein­ba­rung und deren Trag­wei­te hin­rei­chend deut­lich macht1.

Sind die Form­erfor­der­nis­se des § 1031 ZPO nicht erfüllt, ist die Schieds­ver­ein­ba­rung „immer ungül­tig„2. Dabei kann dahin­ste­hen, ob sich die­se Rechts­fol­ge bereits unmit­tel­bar aus § 1031 Abs. 5 ZPO ergibt3 oder aus § 1031 Abs. 5 ZPO i.V.m. § 125 Satz 1 BGB folgt4. Der Gesetz­ge­ber hat § 1031 Abs. 5 ZPO inso­weit gera­de nicht als eine Ein­re­de des Ver­brau­chers aus­ge­stal­tet. Fol­ge­rich­tig ist ein Ver­stoß gegen § 1031 Abs. 5 ZPO nach der ganz herr­schen­den Mei­nung von Amts wegen auch dann zu berück­sich­ti­gen, wenn sich der Ver­brau­cher auf die Schieds­ab­re­de und des­sen Ver­trags­part­ner (Unter­neh­mer) auf deren Unwirk­sam­keit beruft5.

Die­se Auf­fas­sung ent­spricht im Übri­gen auch der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu § 1027 ZPO a.F.6. Nach § 1027 Abs. 1 ZPO a.F. bedurf­te der Schieds­ver­trag der Schrift­form und durf­te ande­re Ver­ein­ba­run­gen als sol­che, die sich auf das schieds­ge­richt­li­che Ver­fah­ren bezo­gen, nicht ent­hal­ten. Die­se Rege­lung war nach Absatz 2 aller­dings nicht anzu­wen­den, wenn der Schieds­ver­trag für bei­de Tei­le ein Han­dels­ge­schäft dar­stell­te und kei­ne der Par­tei­en zu den in § 4 HGB bezeich­ne­ten Gewer­be­trei­ben­den gehör­te. Auch inso­weit hat der Bun­des­ge­richts­hof7 § 1027 Abs. 1 ZPO a.F. in einem Fall für ein­schlä­gig erach­tet, in dem sich die nicht­kauf­män­ni­sche Par­tei auf die Schieds­ab­re­de, die kauf­män­ni­sche Par­tei auf deren Unwirk­sam­keit beru­fen hat. Allein die Schutz­rich­tung der gesetz­li­chen Rege­lung genü­ge nicht, um den ein­deu­ti­gen Inhalt der Norm zuguns­ten der nicht­kauf­män­ni­schen Par­tei ein­zu­schrän­ken. § 1027 ZPO (a.F.) die­ne im Übri­gen nicht nur dem Schutz der davon betrof­fe­nen Per­so­nen. Die Rege­lung tra­ge viel­mehr, wie jede Form­vor­schrift, dem Gedan­ken der Rechts­si­cher­heit Rech­nung und wol­le auch im öffent­li­chen Inter­es­se die Zustän­dig­keits­gren­zen so genau abste­cken, wie dies nach den Umstän­den mög­lich sei. Des­halb kom­me eine erwei­tern­de Aus­le­gung des Absat­zes 2, wonach Absatz 1 auch in einem sol­chen Fall kei­ne Anwen­dung fin­de, nicht in Betracht8.

Zwar kann in beson­ders gela­ger­ten Fäl­len § 242 BGB der Berück­sich­ti­gung einer Form­nich­tig­keit ent­ge­gen­ste­hen. Gesetz­li­che Form­vor­schrif­ten dür­fen jedoch im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit nicht schon aus blo­ßen Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen außer Acht gelas­sen wer­den. Aus­nah­men sind nur zuläs­sig, wenn es nach den Bezie­hun­gen der Par­tei­en und den gesam­ten Umstän­den mit Treu und Glau­ben unver­ein­bar wäre, die Ver­ein­ba­rung am Form­man­gel schei­tern zu las­sen, weil ein sol­ches Ergeb­nis für die betrof­fe­ne Par­tei schlecht­hin untrag­bar ist9. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im hier ent­schie­de­nen Fall nicht fest­ge­stellt wor­den und lie­gen ersicht­lich auch nicht vor. Denn durch die Nich­tig­keit der Schieds­ab­re­de ver­bleibt es ledig­lich bei der Zustän­dig­keit der ordent­li­chen Gerichts­bar­keit für die Ent­schei­dung die­ses Rechts­streits.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof dar­über hin­aus die Beru­fung auf das Feh­len einer wirk­sa­men Schieds­ab­re­de aus­nahms­wei­se als Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben gewer­tet hat10, ging es um grund­le­gend ande­re Sach­ver­hal­te. Die unred­lich han­deln­de Par­tei hat­te sich dort zunächst auf die Zustän­dig­keit des Schieds­ge­richts beru­fen und dadurch die Gegen­sei­te zur Ein­lei­tung eines Schieds­ver­fah­ren ver­an­lasst bzw. eine Abwei­sung der Kla­ge im Ver­fah­ren vor den staat­li­chen Gerich­ten erreicht; anschlie­ßend mach­te sie vor dem Schieds­ge­richt bezie­hungs­wei­se im spä­te­ren Ver­fah­ren auf Voll­streck­bar­er­klä­rung des Schieds­spruchs die Unwirk­sam­keit der Schieds­ab­re­de gel­tend. Hier­mit ist der vor­lie­gen­de Fall nicht ver­gleich­bar.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Mai 2011 — III ZR 1611

  1. Begrün­dung zum Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zur Neu­re­ge­lung des Schieds­ver­fah­rens­rechts, BT-Drucks. 135274 S. 36, 37 []
  2. BT-Drucks. 135274, S. 36 []
  3. vgl. etwa Münch­Komm-ZPO/­Münch, 3. Aufl. § 1031 Rn. 10 []
  4. vgl. etwa Musielak/Voit, ZPO, 8. Aufl., § 1031 Rn. 16 []
  5. vgl. nur OLG Hamm, MDR 2006, S. 1165 f.; und OLGR 2008, 125, 127; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, ZPO, 69. Aufl., § 1031 Rn. 9; Musielak/Voit, aaO Rn. 10, 16; Prüt­ting in Prütting/Gehrlein, ZPO, 3. Aufl., § 1031 Rn. 10; Saenger/Saenger, ZPO, 4. Aufl., § 1031 Rn. 10; Stein/Jonas/Schlosser, ZPO, 22. Aufl., § 1031 Rn. 15; Thomas/Putzo/Reichold, ZPO, 32. Aufl., § 1031 Rn. 1; anders Bucher, AcP 1986, 1, 44 ff; sie­he auch Kröll, Schieds­VZ 2007, 145, 148, nach des­sen Auf­fas­sung dann, wenn die Schieds­klau­sel vom Ver­brau­cher stammt, bei­den Ver­trags­par­tei­en die Beru­fung auf die Form­un­wirk­sam­keit ver­wehrt sei []
  6. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 11.01.1962 — VII ZR 18860, BGHZ 36, 273, 275 ff.; und 25.10.1962 — II ZR 18861, BGHZ 38, 155, 164 f; eben­so OLG Koblenz NJWRR 1996, 970 []
  7. BGH, Urteil vom 11.01.1962 aaO []
  8. BGH, aaO S. 278 []
  9. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 24.04.1998 — V ZR 19797, BGHZ 138, 339, 348; vom 20.12. 2001 — IX ZR 40199, BGHZ 149, 326, 331; und vom 25.07.2007 — XII ZR 14305, NJW 2007, 3202 Rn. 22 f, jeweils mwN []
  10. vgl. BGH, Urteil vom 02.04.1987 — III ZR 7686, NJW-RR 1987, 1194, 1195; Beschluss vom 30.04.2009 — III ZB 9107, VersR 2010, 1102 Rn. 8 f; sie­he auch Urteil vom 02.10.1997 — III ZR 296, NJW 1998, 371 []