Das ver­wei­ger­te Güte­ver­fah­ren – und das Ende der Ver­jäh­rungs­hem­mung

Endet ein Güte­ver­fah­ren im Sin­ne von § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB dadurch, dass der Schuld­ner mit­teilt, am Ver­fah­ren nicht teil­zu­neh­men, so endet die Hem­mung der Ver­jäh­rung sechs Mona­te nach dem Zeit­punkt, in dem die Güte­stel­le die Bekannt­ga­be die­ser Mit­tei­lung an den Gläu­bi­ger ver­an­lasst.

Das ver­wei­ger­te Güte­ver­fah­ren – und das Ende der Ver­jäh­rungs­hem­mung

In § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB wird für alle Zif­fern des ers­ten Absat­zes der genann­ten Vor­schrift bestimmt, dass die Hem­mung sechs Mona­te nach der rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung oder ander­wei­ti­gen Been­di­gung des ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­rens endet. Grund­sätz­lich endet ein Güte­ver­fah­ren i.S. des § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB durch Abschluss eines Ver­glei­ches, die Rück­nah­me des Güte­an­tra­ges oder durch die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens wegen Schei­tern des Eini­gungs­ver­su­ches [1]. Die kon­kre­te Been­di­gung des Ver­fah­rens kann nur inner­halb der Ver­fah­rens­ord­nung der jewei­li­gen Güte­stel­le fest­ge­stellt wer­den [2].

Umstrit­ten ist jedoch, ob im Fal­le eines Güte­ver­fah­rens i.S. des § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB maß­geb­li­cher Anknüp­fungs­punkt für den Beginn der Nach­lauf­frist des § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB – wie das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men hat – der Tag der Ver­fah­rens­ein­stel­lung bzw. Been­di­gung des Güte­ver­fah­rens nach der Ver­fah­rens­ord­nung ist [3] oder der Zeit­punkt der Bekannt­ga­be der Ein­stel­lungs­ver­fü­gung an den Gläu­bi­ger maß­geb­lich ist [4].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Fra­ge im Jah­re 2009 aus­drück­lich offen gelas­sen [5]. Im Beschluss vom 21.10.2014 hat er sich ins­be­son­de­re mit der Fra­ge befasst, ob ein Schei­tern des Ver­fah­rens fest­ge­stellt wer­den kann, nicht aber mit dem Zeit­punkt, wann nach fest­ge­stell­tem Schei­tern die Nach­lauf­frist beginnt [6]. In einem Urteil vom 26.11.2013, das die Vor­schrift des § 35 Arb­nErfG betraf, hat der X. Zivil­se­nat aller­dings bei Berech­nung des Hem­mungs­en­des ohne nähe­re Begrün­dung – und ohne dass es tra­gend hier­auf ankam – auf die Abga­be der Wider­spruchs­er­klä­rung der Beklag­ten gegen den Eini­gungs­vor­schlag der Schieds­stel­le abge­stellt [7]. Dem­ge­gen­über hat der VII. Zivil­se­nat – eben­so wenig tra­gend und ohne nähe­re Begrün­dung – im Fall einer Ver­ein­ba­rung eines Still­hal­te­ab­kom­mens durch Anru­fung einer Schieds­stel­le ein Ende der Hem­mung erst mit dem Zugang einer ableh­nen­den Ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den ange­nom­men [8].

Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schei­det die Streit­fra­ge dahin­ge­hend, dass im Anwen­dungs­be­reich des § 204 BGB im Regel­fall auf den Zeit­punkt der Ver­an­las­sung der Bekannt­ga­be durch die Güte­stel­le an den Gläu­bi­ger abzu­stel­len ist. Ent­schei­dend hier­für spre­chen der Zweck der Nach­lauf­frist des § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB, der dar­in besteht, dass dem Gläu­bi­ger ins­be­son­de­re dann, wenn im Ver­fah­ren kei­ne Sach­ent­schei­dung ergeht, in jedem Fal­le eine Frist bleibt, in der er wei­te­re Rechts­ver­fol­gungs­maß­nah­men ein­lei­ten kann [9], sowie die Rege­lung zum Beginn der Hem­mung in § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB.

Die Gewähr­leis­tung des vor­ste­hend genann­ten Zwecks setzt die Kennt­nis des Gläu­bi­gers von der Ver­fah­rens­be­en­di­gung vor­aus. Ähn­lich hat der Bun­des­ge­richts­hof zur Vor­schrift des § 211 Abs. 2 Satz 1 BGB a.F. mit dem Sinn und Zweck der Vor­schrift argu­men­tiert: Es kom­me im Fal­le der Been­di­gung der Unter­bre­chungs­wir­kung durch Nicht­be­trieb des Pro­zes­ses dar­auf an, dass die Par­tei, die die Ver­jäh­rung erneut unter­bre­chen wol­le, die letz­te Pro­zess­hand­lung des Gerichts und damit die Not­wen­dig­keit ken­ne, den Pro­zess wei­ter zu betrei­ben [10].

Das gilt eben­so für die Been­di­gung des Güte­ver­fah­rens. Auch hier ist im Grund­satz eine Kennt­nis­nah­me des Gläu­bi­gers vom Been­di­gungs­grund gebo­ten, damit er die vom Gesetz­ge­ber ein­ge­räum­te Nach­lauf­frist nut­zen kann. Daher ist § 204 Abs. 2 Satz 1 BGB nach sei­nem Sinn und Zweck so aus­zu­le­gen, dass es in dem Aus­nah­me­fall, in dem die Been­di­gung eines Hem­mungs­tat­be­stan­des vom Gläu­bi­ger nicht unmit­tel­bar wahr­nehm­bar ist, für den Lauf der sechs­mo­na­ti­gen Nach­lauf­frist dar­auf ankommt, dass die­ser Umstand dem Gläu­bi­ger zur Kennt­nis gebracht wird.

Die­ser Aus­le­gung ste­hen die Fäl­le, in denen die Been­di­gung der Hem­mung eben­falls nicht von einem Ereig­nis in der Sphä­re des Gläu­bi­gers abhän­ge, nicht ent­schei­dend ent­ge­gen.

Im Fall der Kla­ge­rück­nah­me nach münd­li­cher Ver­hand­lung, die mit Zustim­mung des Beklag­ten oder Ablauf einer Frist von zwei Wochen nach Zustel­lung des Schrift­sat­zes an ihn wirk­sam wird, liegt der Aus­gangs­punkt in einem Ver­hal­ten des Klä­gers selbst, von dem er zwangs­läu­fig Kennt­nis hat, so dass er sich auf den bevor­ste­hen­den Beginn der Not­frist vor­be­rei­ten kann. Die Been­di­gung der Hem­mung bei Still­stand des Ver­fah­rens nach § 204 Abs. 2 Satz 2 BGB ist nicht ver­gleich­bar, da hier der Beginn der 6‑Monatsfrist gera­de nicht von einer Erklä­rung, son­dern von einem Untä­tig­blei­ben der Par­tei­en abhängt.

Soweit sich die Gegen­an­sicht unter Hin­weis auf einen Beschluss des Gro­ßen Senats für Zivil­sa­chen [11] dar­auf beruft, dass der Gläu­bi­ger vom Ver­kün­dungs­ter­min kei­ne Kennt­nis haben müs­se, so stellt der zitier­te Beschluss ledig­lich klar, dass in einem Fall des Ver­sto­ßes gegen die zwin­gen­den Vor­schrif­ten über die Ver­kün­dung von Urtei­len zwar ein schwer­wie­gen­der Ver­fah­rens­man­gel, aber aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit kein Schein­ur­teil vor­liegt.

Die auf­ge­zeig­te Aus­le­gung des § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB steht zudem im Ein­klang mit der Recht­spre­chung zu § 203 BGB. Im dort gere­gel­ten Fall endet die Hem­mung durch Ver­wei­ge­rung der Fort­set­zung von Ver­hand­lun­gen. Die­se muss grund­sätz­lich durch ein kla­res und ein­deu­ti­ges Ver­hal­ten einer Par­tei zum Aus­druck kom­men [12]. Ein Beginn der Nach­lauf­frist des § 203 Satz 2 BGB ist dem­nach ohne Kennt­nis oder Ken­nen­müs­sen des Gläu­bi­gers nicht mög­lich.

Anzu­knüp­fen ist im Güte­ver­fah­ren aller­dings nicht an den – wegen der nicht vor­ge­schrie­be­nen förm­li­chen Zustel­lung (vgl. auch § 15a EGZPO) oft­mals nicht nach­weis­ba­ren – Zugang der Erfolg­lo­sig­keits­be­schei­ni­gung beim Gläu­bi­ger, son­dern an die bei der Güte­stel­le akten­mä­ßig nach­prüf­ba­re Ver­an­las­sung ihrer Bekannt­ga­be.

Dies ist ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Rege­lung in § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB sach­ge­recht. Zwar gilt die­se Bestim­mung unmit­tel­bar nur für die Fra­ge, wann eine Hem­mung der Ver­jäh­rung durch Ein­rei­chung eines Güte­an­trags beginnt. Der Gesetz­ge­ber hat aber für die­se Fra­ge gera­de des­halb auf die Ver­an­las­sung der Bekannt­ga­be des Güte­an­trags anstatt auf die Bekannt­ga­be selbst abge­stellt, wie es noch im ursprüng­li­chen Gesetz­ent­wurf vor­ge­se­hen war, weil auch dort man­gels vor­ge­schrie­be­ner Zustel­lung des Antrags ande­ren­falls zu besor­gen sei, dass der Zugang im Fal­le des Bestrei­tens nicht nach­ge­wie­sen wer­den kön­ne [13]. Die­ser Gesichts­punkt trifft in glei­cher Wei­se auf die Situa­ti­on bei Been­di­gung des Güte­ver­fah­rens durch eine Mit­tei­lung an den Gläu­bi­ger zu, für die der Gesetz­ge­ber den maß­geb­li­chen Zeit­punkt nicht aus­drück­lich gere­gelt hat. Es erscheint des­halb ange­mes­sen, auch hier auf den Zeit­punkt der Ver­an­las­sung der Bekannt­ga­be abzu­stel­len, zumal der tat­säch­li­che Zugang in der weit­aus über­wie­gen­den Mehr­zahl der Fäl­le bin­nen kur­zer Frist erfol­gen wird. Da der Gläu­bi­ger den maß­geb­li­chen Zeit­punkt sodann bei der Güte­stel­le in Erfah­rung brin­gen kann, besteht für ihn auch kei­ne unzu­mut­ba­re Unklar­heit über den Beginn der ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Nach­lauf­frist. Die Anknüp­fung an die akten­mä­ßig nach­prüf­ba­re Ver­an­las­sung der Bekannt­ga­be durch die Güte­stel­le trägt damit zum einen dem Umstand Rech­nung, dass der Gläu­bi­ger aus­rei­chend Kennt­nis von der Nach­lauf­frist erhal­ten muss, und ver­mei­det ande­rer­seits, dass Unklar­heit über den Lauf der Ver­jäh­rungs­frist ent­steht; zugleich wird eine Ver­län­ge­rung der Ver­jäh­rungs­frist über Gebühr ver­mie­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2015 – IV ZR 405/​14

  1. BGH, Beschluss vom 21.10.2014 – XI ZB 12/​12, BGHZ 203, 1, 67; Urtei­le vom 22.09.2009 – XI ZR 230/​08, BGHZ 182, 284, 291; vom 06.07.1993 – VI ZR 306/​92, BGHZ 123, 337, 346[]
  2. BGH, Beschluss vom 21.10.2014 – XI ZB 12/​12, BGHZ 203, 1, 67[]
  3. OLG Mün­chen, Urteil vom 24.11.2014 – 21 U 5058/​13; OLG Bam­berg, Urteil vom 14.11.2014 – 1 U 39/​14[]
  4. OLG Frank­furt, Urteil vom 08.01.2015 – 7 U 224/​13; OLG Cel­le, Urteil vom 16.01.2007 – 16 U 160/​06[]
  5. BGH, Urteil vom 22.09.2009 – XI ZR 230/​08, BGHZ 182, 284 Rn. 21[]
  6. BGH, Beschluss vom 21.10.2014 – XI ZB 12/​12, BGHZ 203, 1 Rn. 160[]
  7. BGH, Urteil vom 26.11.2013 – X ZR 3/​13 31[]
  8. BGH, Urteil vom 28.02.2002 – VII ZR 455/​00, NJW 2002, 1488 unter – I 4 b[]
  9. BT-Drs. 14/​6040, S. 117 li. Sp.[]
  10. BGH, Urteil vom 20.02.1997 – VII ZR 227/​96, BGHZ 134, 387, 390 f.[]
  11. BGH, Beschluss vom 14.06.1954 – GSZ 3/​54, BGHZ 14, 39[]
  12. BGH, Urteil vom 30.06.1998 – VI ZR 260/​97, NJW 1998, 2819, 2820[]
  13. BT-Drs. 14/​7052 S. 181[]