Gesellschaftsvertragliche Schiedsvereinbarungen

Eine Schieds­ver­ein­ba­rung, die alle Strei­tig­kei­ten zwi­schen Gesell­schaf­tern oder zwi­schen der Gesell­schaft und Gesell­schaf­tern, wel­che die­sen Gesell­schafts­ver­trag, das Gesell­schafts­ver­hält­nis oder die Gesell­schaft betref­fen, mit Aus­nah­me von Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten einem Schieds­ge­richt zur Ent­schei­dung zuweist, muss, um wirk­sam zu sein, auch dann nicht die in der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs „Schieds­fä­hig­keit II„1 auf­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen an eine Schieds­ver­ein­ba­rung für Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten erfül­len, wenn es sich bei der frag­li­chen Strei­tig­keit um eine die Aus­le­gung des Gesell­schafts­ver­trags betref­fen­de Fest­stel­lungs­kla­ge nach § 256 ZPO han­delt.

Gesellschaftsvertragliche Schiedsvereinbarungen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in der Ent­schei­dung „Schieds­fä­hig­keit II„2 unter Auf­ga­be sei­ner frü­he­ren Ent­schei­dung „Schieds­fä­hig­keit I„3 ange­nom­men, dass Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten im Recht der GmbH auch ohne aus­drück­li­che gesetz­li­che Anord­nung der Wir­kun­gen der § 248 Abs. 1 Satz 1, § 249 Abs. 1 Satz 1 AktG grund­sätz­lich kraft einer dies im Gesell­schafts­ver­trag fest­schrei­ben­den Schieds­ver­ein­ba­rung oder einer außer­halb der Sat­zung unter Mit­wir­kung aller Gesell­schaf­ter und der Gesell­schaft getrof­fe­nen Indi­vi­du­al­ab­re­de „schieds­fä­hig“ sind, sofern und soweit das schieds­ge­richt­li­che Ver­fah­ren in einer dem Rechts­schutz durch staat­li­che Gerich­te gleich­wer­ti­gen Wei­se — d.h. unter Ein­hal­tung eines aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­den Min­dest­stan­dards an Mit­wir­kungs­rech­ten und damit an Rechts­schutz­ge­wäh­rung für alle ihr unter­wor­fe­nen Gesell­schaf­ter — aus­ge­stal­tet ist4.

Danach setzt die Wirk­sam­keit einer Schieds­klau­sel zu Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten — am Maß­stab des § 138 BGB gemes­sen — die Erfül­lung fol­gen­der Min­dest­an­for­de­run­gen vor­aus: Die Schieds­ab­re­de muss grund­sätz­lich mit Zustim­mung sämt­li­cher Gesell­schaf­ter in der Sat­zung ver­an­kert sein; alter­na­tiv reicht eine außer­halb der Sat­zung unter Mit­wir­kung sämt­li­cher Gesell­schaf­ter und der Gesell­schaft getrof­fe­ne Abspra­che aus. Jeder Gesell­schaf­ter muss — neben den Gesell­schafts­or­ga­nen — über die Ein­lei­tung und den Ver­lauf des Schieds­ver­fah­rens infor­miert und dadurch in die Lage ver­setzt wer­den, dem Ver­fah­ren zumin­dest als Neben­in­ter­ve­ni­ent bei­zu­tre­ten. Sämt­li­che Gesell­schaf­ter müs­sen an der Aus­wahl und Bestel­lung der Schieds­rich­ter mit­wir­ken kön­nen, sofern nicht die Aus­wahl durch eine neu­tra­le Stel­le erfolgt; im Rah­men der Betei­li­gung meh­re­rer Gesell­schaf­ter auf einer Sei­te des Streit­ver­hält­nis­ses kann dabei grund­sätz­lich das Mehr­heits­prin­zip zur Anwen­dung gebracht wer­den. Schließ­lich muss gewähr­leis­tet sein, dass alle den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betref­fen­den Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten bei einem Schieds­ge­richt kon­zen­triert wer­den5.

Die Wirk­sam­keit einer Schieds­klau­sel zu Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten setzt die Erfül­lung die­ser Min­dest­an­for­de­run­gen an die Mit­wir­kungs­rech­te der Gesell­schaf­ter vor­aus, weil die in Rechts­strei­tig­kei­ten die­ser Art erge­hen­den, der Kla­ge statt­ge­ben­den Ent­schei­dun­gen nach den im GmbH-Recht ent­spre­chend anwend­ba­ren § 248 Abs. 1 Satz 1, § 249 Abs. 1 Satz 1 AktG über die nur zwi­schen den Par­tei­en wir­ken­de Rechts­kraft des § 325 Abs. 1 ZPO hin­aus für und gegen alle Gesell­schaf­ter und Gesell­schafts­or­ga­ne wir­ken, auch wenn sie an dem Ver­fah­ren nicht als Par­tei teil­ge­nom­men haben6. Eine Schieds­klau­sel zu Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten ist daher nur wirk­sam, wenn sie die Belan­ge der von der Rechts­kraft­wir­kung ana­log § 248 Abs. 1 Satz 1, § 249 Abs. 1 Satz 1 AktG poten­ti­ell berühr­ten Gesell­schaf­ter in einer den Gebo­ten des Rechts­staats­prin­zips genü­gen­den Wei­se sicher­stellt7.

Zu den Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten gehö­ren Anfech­tungs, Nich­tig­keits­fest­stel­lungs- und posi­ti­ve Fest­stel­lungs­kla­gen ent­spre­chend §§ 241 ff. AktG, nicht dage­gen „ein­fa­che“ Fest­stel­lungs­kla­gen unter den Gesell­schaf­tern nach § 256 ZPO8. Ein­fa­che Fest­stel­lungs­kla­gen ent­fal­ten ihre Wir­kung allein zwi­schen den Par­tei­en des Rechts­streits. Eine Rechts­kraf­ter­stre­ckung erfolgt auch dann nicht, wenn aus Grün­den der Logik eine ein­heit­li­che Ent­schei­dung gegen­über nicht am Rechts­streit betei­lig­ten Per­so­nen not­wen­dig oder wün­schens­wert wäre. Für die Rechts­kraf­ter­stre­ckung auf nicht am Rechts­streit betei­lig­te Per­so­nen ist ohne eine beson­de­re Vor­schrift kein Raum9. Für ein­fa­che Fest­stel­lungs­kla­gen unter den Gesell­schaf­tern nach § 256 ZPO gibt es kei­ne beson­de­re Vor­schrift, die — wie der im GmbH-Recht ent­spre­chend anwend­ba­re § 248 Abs. 1 Satz 1 AktG für Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten — bestimmt, dass das Urteil für und gegen nicht am Rechts­streit betei­lig­te Gesell­schaf­ter oder Gesell­schafts­or­ga­ne wirkt. Sie haben daher nur Wir­kung inter par­tes10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. April 2015 — I ZB 314

  1. BGH, Urteil vom 06.04.2009 — II ZR 25508, BGHZ 180, 221 []
  2. BGH, Urteil vom 06.04.2009 — II ZR 25508, BGHZ 180, 221 []
  3. BGH, Urteil vom 29.03.1996 — II ZR 12495, BGHZ 132, 278 []
  4. BGHZ 180, 221 Rn. 10 und 13, mwN — Schieds­fä­hig­keit II []
  5. BGHZ 180, 221 Rn.19 f. — Schieds­fä­hig­keit II, mwN []
  6. vgl. BGHZ 132, 278, 285 — Schieds­fä­hig­keit I []
  7. vgl. BGHZ 180, 221 Rn. 16 bis 18 und 23 — Schieds­fä­hig­keit II []
  8. vgl. BGHZ 132, 278, 280 — Schieds­fä­hig­keit I; BGH, Urteil vom 10.05.2001 — III ZR 26200, NJW 2001, 2176, 2177, inso­weit nicht in BGHZ 147, 394 []
  9. vgl. BGH, Urteil vom 15.06.1959 — II ZR 4458, NJW 1959, 1683, 1684 f., inso­weit nicht in BGHZ 30, 195; Urteil vom 14.04.2010 — IV ZR 13508, Fam­RZ 2010, 1068 Rn. 18 []
  10. BGH, NJW 2001, 2176, 2177, inso­weit nicht in BGHZ 147, 394 []