Obligatorische Streitschlichtung und die Klage zum Landgericht

Die Bestim­mung des § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW kann nicht erwei­ternd dahin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass sie gene­rell auch die Fäl­le erfasst, in denen die Kla­ge auf­grund einer unzu­tref­fen­den Ermitt­lung des Streit­werts zunächst vor dem Land­ge­richt erho­ben wird und die­ses den Rechts­streit wegen feh­len­der sach­li­cher Zustän­dig­keit gemäß § 281 Abs. 1 ZPO an das Amts­ge­richt ver­weist.

Obligatorische Streitschlichtung und die Klage zum Landgericht

Gemäß § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SchlG BW ist die Erhe­bung der Kla­ge vor den Amts­ge­rich­ten in bür­ger­li­chen Rechts­strei­tig­kei­ten über Ansprü­che wegen Ver­let­zun­gen der per­sön­li­chen Ehre, die nicht in Pres­se oder Rund­funk began­gen wor­den sind, erst zuläs­sig, nach­dem ver­sucht wor­den ist, die Strei­tig­keit in einem Schlich­tungs­ver­fah­ren ein­ver­nehm­lich bei­zu­le­gen. Die Bestim­mung ent­hält eine von Amts wegen zu prü­fen­de, beson­de­re Pro­zess­vor­aus­set­zung, die bereits im Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung vor­lie­gen muss1.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall sind die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW an sich nicht erfüllt. Denn die Klä­ge­rin hat die Kla­ge nicht vor dem Amts­ge­richt, son­dern — unter Zugrun­de­le­gung eines Streit­werts von 10.000 € — vor dem Land­ge­richt erho­ben. Dort hat sie ihre Kla­ge­schrift ein­ge­reicht; von dort ist die Kla­ge dem Beklag­ten zuge­stellt wor­den (vgl. § 253 Abs. 1, § 271 Abs. 1 ZPO).

Die Bestim­mung des § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW kann nicht erwei­ternd dahin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass sie gene­rell auch die Fäl­le erfasst, in denen die Kla­ge auf­grund einer unzu­tref­fen­den Ermitt­lung des Streit­werts zunächst vor dem Land­ge­richt erho­ben wird und die­ses den Rechts­streit wegen feh­len­der sach­li­cher Zustän­dig­keit gemäß § 281 Abs. 1 ZPO an das Amts­ge­richt ver­weist. Ein der­ar­ti­ges Ver­ständ­nis der Norm ist mit ihrem Wort­laut nicht ver­ein­bar, berück­sich­tigt den Sinn und Zweck des § 281 ZPO nicht hin­rei­chend und führt zu uner­wünsch­ten pro­zes­sua­len Unklar­hei­ten.

Durch die Schaf­fung des § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber von der ihm in § 15a EGZPO ein­ge­räum­ten Kom­pe­tenz Gebrauch gemacht, die Zuläs­sig­keit der Kla­ge­er­he­bung in bestimm­ten bür­ger­lich­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten von der Durch­füh­rung eines Schlich­tungs­ver­fah­rens abhän­gig zu machen. Aus­weis­lich des kla­ren Wort­lauts des § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW und der Geset­zes­be­grün­dung hat er hier­bei die Ermäch­ti­gung nicht voll aus­ge­schöpft, son­dern sich aus­drück­lich dar­auf beschränkt, eine — den all­ge­mei­nen Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch der Recht­su­chen­den ein­schrän­ken­de — zusätz­li­che Sachur­teils­vor­aus­set­zung in Form der obli­ga­to­ri­schen Schlich­tung nur für die Kla­gen anzu­ord­nen, die vor den Amts­ge­rich­ten erho­ben wer­den2. Die Mög­lich­keit, ein obli­ga­to­ri­sches Schlich­tungs­ver­fah­ren auch für land­ge­richt­li­che Ver­fah­ren vor­zu­se­hen, hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber bewusst nicht wahr­ge­nom­men3.

Eine danach beim Land­ge­richt ohne vor­he­ri­ge Durch­füh­rung eines Schlich­tungs­ver­fah­rens zuläs­sig erho­be­ne Kla­ge wird nicht nach­träg­lich dadurch unzu­läs­sig, dass der Rechts­streit vom Land­ge­richt wegen feh­len­der sach­li­cher Zustän­dig­keit gemäß § 281 Abs. 1 ZPO an das Amts­ge­richt ver­wie­sen wird4. Denn die Ver­wei­sung gemäß § 281 ZPO erhält die Rechts­hän­gig­keit des Rechts­streits; frü­he­re Pro­zess­hand­lun­gen wir­ken wegen des Grund­sat­zes der Ein­heit des Ver­fah­rens fort5. Eine ande­re Beur­tei­lung führ­te dazu, dass die Bestim­mung des § 281 ZPO in die­sen Fäl­len ihres Sinns beraubt wür­de. Zweck die­ser Rege­lung ist es, im Inter­es­se der Pro­zess­öko­no­mie einer Ver­zö­ge­rung und Ver­teue­rung der Ver­fah­ren durch Zustän­dig­keits­strei­tig­kei­ten vor­zu­beu­gen und die Vor­tei­le der Rechts­hän­gig­keit zu sichern6. Die­ser Zweck wür­de ver­fehlt, wenn sich der Anwen­dungs­be­reich des § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW auf die Fäl­le erstreck­te, in denen der Rechts­streit vom Land­ge­richt gemäß § 281 Abs. 1 ZPO an das Amts­ge­richt ver­wie­sen wird. Denn da das Schlich­tungs­ver­fah­ren der Kla­ge­er­he­bung vor­aus­ge­hen muss und nicht nach­ge­holt wer­den kann7, müss­te die Kla­ge in die­sen Fäl­len aus­nahms­los als unzu­läs­sig abge­wie­sen wer­den.

Hin­zu kommt, dass der Recht­su­chen­de gera­de in den in § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und 3 SchlG BW gere­gel­ten Strei­tig­kei­ten im Vor­feld nicht immer klar erken­nen kann, ob die Kla­ge „rich­ti­ger­wei­se beim Amts­ge­richt erho­ben wer­den“ muss. Denn in die­sen Strei­tig­kei­ten ist das Kla­ge­be­geh­ren häu­fig nicht auf Zah­lung einer bestimm­ten Geld­sum­me, son­dern auf Dul­dung, Unter­las­sung oder Besei­ti­gung gerich­tet, so dass die Bewer­tung des für den Zustän­dig­keits­streit­wert gemäß § 3 ZPO maß­geb­li­chen Inter­es­ses des Klä­gers8 durch die Par­tei bzw. ihren Anwalt einer­seits und das Gericht ande­rer­seits unter­schied­lich aus­fal­len kann. Erfass­te § 1 Abs. 1 Satz 1 SchlG BW auch vom Land­ge­richt gemäß § 281 Abs. 1 ZPO an das Amts­ge­richt ver­wie­se­ne Ver­fah­ren, so müss­te der Recht­su­chen­de, um eine Abwei­sung sei­ner Kla­ge als unzu­läs­sig sicher zu ver­mei­den, in allen Strei­tig­kei­ten im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Nr. 3 SchlG BW vor der Kla­ge­er­he­bung einen Eini­gungs­ver­such unter­neh­men, auch wenn aus sei­ner Sicht die sach­li­che Zustän­dig­keit des Land­ge­richts gege­ben ist. Eine der­art umfas­sen­de Schlich­tungs­pflicht war mit der Ein­füh­rung des § 1 SchlG BW aber gera­de nicht beab­sich­tigt9.

Ob aus­nahms­wei­se etwas ande­res gilt, wenn die Kla­ge rechts­miss­bräuch­lich vor einem sach­lich unzu­stän­di­gen Gericht erho­ben wur­de10, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Für eine sol­che Annah­me sind im vor­lie­gen­den Fall Anhalts­punk­te weder ersicht­lich noch dar­ge­tan.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. April 2013 — VI ZR 15112

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.11.2004 — VI ZR 33603, BGHZ 161, 145, 147 ff.; vom 08.07.2008 — VI ZR 22107, VersR 2009, 1288 Rn. 10; vom 13.07.2010 — VI ZR 11109, VersR 2010, 1444 Rn. 9, 11, jeweils mwN []
  2. vgl. LT-Drucks. 125033 S. 1, 17 f.; zur Beein­träch­ti­gung des all­ge­mei­nen Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruchs durch Rege­lun­gen über die obli­ga­to­ri­sche Schlich­tung: BVerfGK 10, 275 []
  3. LT-Drucks. 125033 S. 18 []
  4. vgl. Zöller/Greger, ZPO, 29. Aufl., § 281 Rn. 15a; Zöller/Heßler, aaO, § 15a EGZPO Rn. 18; Prütting/Taxis, Außer­ge­richt­li­che Streit­schlich­tung, 2003, Rn. 179; Sti­ckel­brock, JZ 2002, 633, 636 f.; Bit­ter, NJW 2005, 1235, 1239; Schil­ken, FS Ishi­ka­wa, 2001, S. 471, 473 in Fn. 15 zur Ver­wei­sung durch ein Gericht in einem Land ohne obli­ga­to­ri­sches Schlich­tungs­ver­fah­ren in ein Land mit obli­ga­to­ri­schem Schlich­tungs­ver­fah­ren; HkZPO/Saenger, 5. Aufl., § 15a EGZPO Rn. 2; Kothe/Anger, SchlG BW, 2001, § 1 Rn. 5; a.A. Münch­Komm-ZPO/Gru­ber, 3. Aufl., § 15a EGZPO Rn. 5; Stein/Jonas/Schlosser, ZPO, 22. Aufl., § 15a EGZPO Rn. 12; Unbe­rath, JR 2001, 355, 357 []
  5. vgl. Zöller/Heßler, aaO § 15a EGZPO Rn. 18; Sti­ckel­brock, JZ 2002, 633, 636; Kothe/Anger, aaO []
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 23.03.1988 — IVb ARZ 888, Fam­RZ 1988, 943; Münch­Komm-ZPO/Prüt­ting, 4. Aufl., § 281 Rn. 1; Bacher in Beck­OK ZPO, § 281 Rn. 1, Stand: 15.01.2013; Saenger/Saenger, aaO, § 281 Rn. 1 []
  7. BGH, Urtei­le vom 23.11.2004 — VI ZR 33603, aaO; vom 13.07.2010 — VI ZR 11109, aaO, Rn. 9, jeweils mwN []
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.03.2012 — V ZB 24711, Grund­ei­gen­tum 2012, 683; vom 06.12.2012 — V ZR 4412, Grund­ei­gen­tum 2013, 347 []
  9. vgl. LT-Drucks. 125033 S. 1, 17 f. []
  10. vgl. Bit­ter, NJW 2005, 1235, 1239 []