Par­tei­schieds­ge­rich­te – und die ein­ge­schränk­te Kon­trol­le durch staat­li­che Gerich­te

Die Auf­he­bung eines Par­tei­aus­schlus­ses durch ein Gericht, die unter Ver­ken­nung der inso­fern ein­ge­schränk­ten Kon­troll­dich­te staat­li­cher Gerich­te erfolgt, ver­letzt das Will­kür­ver­bot.

Par­tei­schieds­ge­rich­te – und die ein­ge­schränk­te Kon­trol­le durch staat­li­che Gerich­te

Ein Rich­ter­spruch ver­stößt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dann gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz in sei­ner Aus­prä­gung als Ver­bot objek­ti­ver Will­kür (Art. 3 Abs. 1 GG), wenn er unter kei­nem denk­ba­ren Aspekt recht­lich ver­tret­bar ist und sich daher der Schluss auf­drängt, dass er auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht. Das ist anhand objek­ti­ver Kri­te­ri­en fest­zu­stel­len. Schuld­haf­tes Han­deln des Rich­ters ist nicht erfor­der­lich. Feh­ler­haf­te Rechts­an­wen­dung allein macht eine Gerichts­ent­schei­dung nicht objek­tiv will­kür­lich. Schlech­ter­dings unhalt­bar ist eine fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dung viel­mehr erst dann, wenn eine offen­sicht­lich ein­schlä­gi­ge Norm nicht berück­sich­tigt, der Inhalt einer Norm in kras­ser Wei­se miss­ver­stan­den oder sonst in nicht mehr nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se ange­wen­det wird [1].

Nach die­ser Maß­ga­be ver­letzt das der Beru­fung des X. statt­ge­ben­de Urteil des Kam­mer­ge­richts die SPD in ihrem Grund­recht aus Art. 3 Abs. 1 GG. Der ange­grif­fe­ne Beschluss ver­kennt die ein­ge­schränk­te Kon­troll­dich­te staat­li­cher Gerich­te im Rah­men der Über­prü­fung schieds­ge­richt­li­cher Par­tei­aus­schlüs­se gemäß § 10 Abs. 4 PartG in unver­tret­ba­rer Wei­se.

Bei der Über­prü­fung von Ent­schei­dun­gen der Par­tei­schieds­ge­rich­te durch staat­li­che Gerich­te sind der Grund­satz der Par­tei­en­frei­heit des Art. 21 Abs. 1 GG und die ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Rech­te der von der Maß­nah­me betrof­fe­nen Par­tei­mit­glie­der jeweils ange­mes­sen zur Gel­tung zu brin­gen. Die vom Grund­ge­setz vor­aus­ge­setz­te Staats­frei­heit der Par­tei­en erfor­dert nicht nur die Gewähr­leis­tung ihrer Unab­hän­gig­keit vom Staat, son­dern auch, dass die Par­tei­en sich ihren Cha­rak­ter als frei gebil­de­te, im gesell­schaft­lich-poli­ti­schen Bereich wur­zeln­de Grup­pen bewah­ren kön­nen. Der Pro­zess der Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung des Vol­kes muss grund­sätz­lich „staats­frei“ blei­ben [2]. Die Par­tei­en­frei­heit umfasst die freie Wahl der Rechts­form, der inne­ren Orga­ni­sa­ti­on sowie der Ziel­set­zung ein­schließ­lich Name, Sat­zung und Pro­gramm, die Teil­nah­me an Wah­len sowie die Ver­fü­gung über Ein­nah­men und Ver­mö­gen [3]. In per­so­nel­ler Hin­sicht ver­bürgt sie die freie Ent­schei­dung über Auf­nah­me und Aus­schluss von Mit­glie­dern bis hin zur Selbst­auf­lö­sung der Par­tei und der Ver­ei­ni­gung mit ande­ren Par­tei­en [4].

Hier­aus folgt eine ein­ge­schränk­te Kon­troll­dich­te der staat­li­chen Gerich­te bei der Über­prü­fung der Ent­schei­dun­gen von Par­tei­schieds­ge­rich­ten. Es ist nicht Sache der staat­li­chen Gerich­te, über die Aus­le­gung der Sat­zung und der bestim­men­den Par­tei­be­schlüs­se zu ent­schei­den. Die Ein­schät­zung, ob ein bestimm­tes Ver­hal­ten einen vor­sätz­li­chen Ver­stoß gegen die Sat­zung oder einen erheb­li­chen Ver­stoß gegen Grund­sät­ze oder Ord­nung der Par­tei bedeu­tet und der Par­tei damit schwe­rer Scha­den zuge­fügt wur­de (§ 10 Abs. 4 PartG), ist den Par­tei­en vor­be­hal­ten [5].

Ande­rer­seits steht auch dem ein­zel­nen Mit­glied einer Par­tei die Betä­ti­gungs­frei­heit des Art. 21 Abs. 1 Satz 2 GG zu. Daher blei­ben die staat­li­chen Gerich­te zur Miss­brauchs- und Evi­denz­kon­trol­le ver­pflich­tet, soweit der Gesetz­ge­ber pri­vat­au­to­no­me Streit­be­rei­ni­gung durch Schlich­tungs­gre­mi­en zulässt [6]. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs prü­fen die staat­li­chen Gerich­te daher (nur), ob die durch ein Par­tei­schieds­ge­richt ver­häng­te Maß­nah­me eine Stüt­ze im Gesetz oder in der Par­tei­sat­zung fin­det, das sat­zungs­ge­mäß vor­ge­schrie­be­ne Ver­fah­ren beach­tet, sonst kein Geset­zes- oder Sat­zungs­ver­stoß vor­ge­kom­men und die Maß­nah­me nicht grob unbil­lig oder will­kür­lich ist sowie ob die der Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den Tat­sa­chen ord­nungs­ge­mäß fest­ge­stellt wor­den sind [7].

Dabei ist eine Bin­dung eines Par­tei­schieds­ge­richts an den Ver­zicht auf einen Aus­schluss ande­rer Par­tei­mit­glie­der allen­falls dann in Betracht zu zie­hen, wenn dem ein im Wesent­li­chen gleich­ge­la­ger­ter Sach­ver­halt zugrun­de liegt [8]. Fehlt es am Vor­lie­gen eines sol­chen gleich­ge­la­ger­ten Sach­ver­halts, ist der Nicht­aus­schluss ande­rer Par­tei­mit­glie­der von vorn­her­ein unge­eig­net, die gro­be Unbil­lig­keit einer getrof­fe­nen Aus­schluss­ent­schei­dung zu begrün­den [9].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Mai 2020 – 2 BvR 121/​14

  1. vgl. BVerfGE 89, 1, 13 f.; 96, 189, 203, stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 20, 56, 99 ff.; 85, 264, 287[]
  3. vgl. BVerfGE 73, 40, 85 f.; 104, 14, 19, 22; 111, 382, 409[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 28.03.2002 – 2 BvR 307/​01 13; Kunig, in: v. Münch/​ders., GG, Bd. 1, 6. Aufl.2012, Art. 21 Rn. 45[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 28.03.2002 – 2 BvR 307/​01 14; sie­he auch: BGHZ 75, 158, 159; BGH, Urteil des 2. Zivil­se­nats vom 14.03.1994 – II ZR 99/​93 11[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 28.03.2002 – 2 BvR 307/​01 15, m.w.N.[]
  7. vgl. BGHZ 87, 337, 343 ff.; BGH, Urteil des 2. Zivil­se­nats vom 14.03.1994 – II ZR 99/​93 11[]
  8. vgl. Bull, DVBl 2014, S. 262, 264; Roß­ner, in: Morlok/​Poguntke/​Sokolov, Par­tei­en­staat – Par­tei­en­de­mo­kra­tie, 2018, S. 95, 117; sie­he zum Ver­eins­aus­schluss all­ge­mein BGHZ 47, 381, 385 f.[]
  9. vgl. Bull, DVBl 2014, S. 262, 264[]