Schiedsfähigkeit von Beschlussmängelstreitigkeiten im GmbH-Recht

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te jetzt über die Grund­satz­fra­ge der Schieds­fä­hig­keit von Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten im Recht der GmbH zu ent­schei­den.

Schiedsfähigkeit von Beschlussmängelstreitigkeiten im GmbH-Recht

Der Klä­ger des vom BGH ent­schie­de­nen Rechts­streits ist Gesell­schaf­ter der beklag­ten GmbH. Zwi­schen ihm und sei­nen Mit­ge­sell­schaf­tern bestehen seit Jah­ren tief grei­fen­de Dif­fe­ren­zen. Die Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung der Beklag­ten beschloss am 9. Okto­ber 2006 mit den Stim­men der ande­ren Gesell­schaf­ter u.a., den Geschäfts­an­teil des Klä­gers aus wich­ti­gem Grund ein­zu­zie­hen und auf die Mit­ge­sell­schaf­ter zu über­tra­gen. Gegen die vom Klä­ger erho­be­ne Anfech­tungs- bzw. Nich­tig­keits­kla­ge hat die Beklag­te — gestützt auf eine Schieds­klau­sel des aus dem Jahr 1989 stam­men­den Gesell­schafts­ver­tra­ges — die Ein­re­de der Schieds­ver­ein­ba­rung erho­ben. Das Land­ge­richt Aachen hat dar­auf­hin die Kla­ge als unzu­läs­sig abge­wie­sen. Dem­ge­gen­über hat das Ober­lan­des­ge­richt Köln auf die Beru­fung des Klä­gers die Schieds­klau­sel als nich­tig erach­tet und den Rechts­streit zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Land­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

Der BGH hat auf die von ihm wegen Grund­satz­be­deu­tung zuge­las­se­ne Revi­si­on ent­schie­den, dass Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten im Recht der GmbH grund­sätz­lich kraft pri­vat­au­to­no­mer Gestal­tung der Gesell­schaf­ter schieds­fä­hig sind, sofern und soweit das ver­ein­bar­te schieds­rich­ter­li­che Ver­fah­ren aus dem Rechts­staats­prin­zip abzu­lei­ten­de Min­dest­stan­dards ein­hält.

Mit die­ser Ent­schei­dung hat der II. Zivil­se­nat sei­ne frü­he­re restrik­ti­ve Auf­fas­sung, nach der die Vor­aus­set­zun­gen für eine Schieds­fä­hig­keit von Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten nicht im Wege rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung zu ent­wi­ckeln, son­dern einer Rege­lung durch den Gesetz­ge­ber vor­be­hal­ten sei­en1, auf­ge­ge­ben. Da der Gesetz­ge­ber im Rah­men des zwi­schen­zeit­lich ver­ab­schie­de­ten und in Kraft getre­te­nen Schieds­ver­fah­rens-Neu­re­ge­lungs­ge­set­zes von einer dies­be­züg­li­chen gesetz­li­chen Rege­lung bewusst Abstand genom­men und die Pro­ble­ma­tik „ange­sichts ihrer Viel­schich­tig­keit in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht wei­ter­hin der Lösung durch die Recht­spre­chung unter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls über­las­sen“ hat, hat der BGH die ihm sol­cher­ma­ßen über­ant­wor­te­te Auf­ga­be aus Anlass des vor­lie­gen­den Revi­si­ons­falls auf­ge­grif­fen.

Der BGH hält nun­mehr sei­ne frü­he­ren Beden­ken gegen die grund­sätz­li­che Mög­lich­keit einer ana­lo­gen Her­bei­füh­rung der Wir­kun­gen aus §§ 248 Abs. 1 Satz 1, 249 Abs. 1 Satz 1 AktG durch Schieds­sprü­che auf der Grund­la­ge gesell­schafts­ver­trag­li­cher Schieds­klau­seln nicht mehr auf­recht, macht aber die Zuläs­sig­keit sol­cher Schieds­ver­ein­ba­run­gen im GmbH-Recht von der Sicher­stel­lung eines effek­ti­ven, der Rechts­schutz­ge­wäh­rung durch staat­li­che Gerich­te gleich­wer­ti­gen Rechts­schut­zes für alle dem Schieds­spruch unter­wor­fe­nen Gesell­schaf­ter abhän­gig.

Danach setzt die Wirk­sam­keit einer pri­vat­au­to­nom gestal­te­ten Schieds­klau­sel zu Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten bei der GmbH die Erfül­lung fol­gen­der Min­dest­an­for­de­run­gen vor­aus:

Die Schieds­ab­re­de muss grund­sätz­lich mit Zustim­mung sämt­li­cher Gesell­schaf­ter in der Sat­zung ver­an­kert sein; alter­na­tiv reicht eine außer­halb der Sat­zung unter Mit­wir­kung sämt­li­cher Gesell­schaf­ter und der Gesell­schaft getrof­fe­ne Abspra­che aus.

  • Jeder Gesell­schaf­ter muss — neben den Gesell­schafts­or­ga­nen — über die Ein­lei­tung und den Ver­lauf des Schieds­ver­fah­rens infor­miert und dadurch in die Lage ver­setzt wer­den, dem Ver­fah­ren zumin­dest als Neben­in­ter­ve­ni­ent bei­zu­tre­ten.
  • Alle Gesell­schaf­ter müs­sen an der Aus­wahl und Bestel­lung der Schieds­rich­ter mit­wir­ken kön­nen, sofern nicht die Aus­wahl durch eine neu­tra­le Stel­le erfolgt.
  • Schließ­lich muss gewähr­leis­tet sein, dass alle den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betref­fen­den Beschluss­män­gel­strei­tig­kei­ten bei einem Schieds­ge­richt kon­zen­triert wer­den.

Da aller­dings die im Gesell­schafts­ver­trag der Beklag­ten ent­hal­te­ne Schieds­klau­sel aus dem Jahr 1989 nach den zutref­fen­den Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts sol­chen aus dem Rechts­staats­prin­zip flie­ßen­den Min­dest­an­for­de­run­gen nicht genüg­te, hat der II. Zivil­se­nat die Revi­si­on der Beklag­ten im kon­kre­ten Fall zurück­ge­wie­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. April 2009 — II ZR 25508 — „Schieds­fä­hig­keit II“

  1. vgl. BGHZ 132, 278 — „Schieds­fä­hig­keit I“ []