Schiedsgutachtenvereinbarung in der Nachlassverwaltung

Gemäß § 1822 Nr. 12 BGB bedarf der Vor­mund der Geneh­mi­gung des Fami­li­en­ge­richts zu einem Ver­gleich oder einem Schieds­ver­trag, es sei denn, dass der Gegen­stand des Streits oder der Unge­wiss­heit in Geld schätz­bar ist und den Wert von 3.000 € nicht über­steigt oder der Ver­gleich einem schrift­li­chen oder pro­to­kol­lier­ten gericht­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag ent­spricht. Die­se Rege­lung fin­det ent­spre­chend auf die Nach­lass­ver­wal­tung gemäß §§ 1960, 1962, 1915 BGB Anwen­dung. Unter den Begriff des Schieds­ver­tra­ges i.S. von § 1822 Nr. 12 BGB fällt nach all­ge­mei­ner und zutref­fen­der Auf­fas­sung ledig­lich die Schieds­ver­ein­ba­rung nach § 1029 ZPO, nicht dage­gen die Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung1.

Schiedsgutachtenvereinbarung in der Nachlassverwaltung

Der Wort­laut von § 1822 Nr. 12 BGB erfasst ledig­lich den Schieds­ver­trag. Die­ser Begriff ent­spricht dem­je­ni­gen, der bis zum Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Schieds­ver­fah­rens­rechts vom 22.12 19972 in § 1025 ZPO a.F. ver­wen­det wur­de. Auch wenn § 1029 ZPO nun­mehr den Begriff der Schieds­ver­ein­ba­rung ver­wen­det, ist all­ge­mein aner­kannt, dass unter § 1822 Nr. 12 BGB ledig­lich schieds­rich­ter­li­che Ver­fah­ren nach §§ 1025 ff. ZPO fal­len3. Anhalts­punk­te dafür, dass sich durch die Ände­rung der Begriff­lich­kei­ten in §§ 1025 ff. ZPO a.F., § 1029 ZPO Ände­run­gen im Anwen­dungs­be­reich des § 1822 Nr. 12 BGB erge­ben haben, bestehen nicht.

Die Ein­be­zie­hung einer Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung in den Anwen­dungs­be­reich von § 1822 Nr. 12 BGB schei­det fer­ner mit Rück­sicht auf Sinn und Zweck der Vor­schrift aus. Mit dem Erfor­der­nis der vor­mund­schafts­ge­richt­li­chen Geneh­mi­gung zum Abschluss eines Schieds­ver­tra­ges ver­hin­dert das Gesetz, dass der Vor­mund (hier der Nach­lass­pfle­ger) unkon­trol­liert den Rechts­schutz, den der Mün­del (hier die unbe­kann­ten Erben) bei den staat­li­chen Gerich­ten erwar­ten kann, mit dem mög­li­cher­wei­se ris­kan­te­ren Ver­fah­ren vor dem Schieds­ge­richt, das nicht an die stren­gen Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung gebun­den ist, ver­tauscht4. Hier­bei liegt dem Kata­log der geneh­mi­gungs­be­dürf­ti­gen Rechts­ge­schäf­te nach § 1822 BGB die Über­le­gung des Gesetz­ge­bers zugrun­de, dass die­se ten­den­zi­ell ris­kant oder nach­tei­lig sein kön­nen5. Im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit ist der Kreis der nach §§ 1821, 1822 BGB geneh­mi­gungs­pflich­ti­gen Rechts­ge­schäf­te aller­dings for­mal und nicht nach den jewei­li­gen Umstän­den des Ein­zel­fal­les zu bestim­men6.

Eine Erstre­ckung des Anwen­dungs­be­reichs des § 1822 Nr. 12 BGB auch auf Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­run­gen kommt hier­nach wegen des grund­sätz­li­chen Unter­schieds zwi­schen einem Schieds­ver­trag gemäß § 1025 ZPO a.F. und einer Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung nicht in Betracht. Der Schieds­ver­trag hat die Ent­schei­dung des Rechts­streits durch außer­halb der staat­li­chen Gerichts­bar­keit ste­hen­de Schieds­rich­ter zum Ziel, wäh­rend die Schieds­gut­ach­ten­ab­re­de ledig­lich auf die Fest­stel­lung ein­zel­ner Tat­be­stands­ele­men­te oder gut­ach­ter­li­che Leis­tungs­be­stim­mun­gen gerich­tet ist7. Durch den Schieds­ver­trag wird dem Schieds­rich­ter eine Tätig­keit über­tra­gen, die im ordent­li­chen Rechts­weg sonst der staat­lich bestell­te Rich­ter durch Fäl­lung eines Urteils vor­nimmt. Schieds­gut­ach­ten, auf die die §§ 317 ff. BGB Anwen­dung fin­den, die­nen dem­ge­gen­über vor allem dazu, den von den Par­tei­en zwar objek­tiv bestimm­ten, aber nur mit einer gewis­sen Sach­kun­de fest­stell­ba­ren Ver­trags­in­halt zu ermit­teln. Es han­delt sich ins­be­son­de­re um pri­vat­recht­lich ver­ein­bar­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten außer­halb eines gericht­li­chen Ver­fah­rens, die der Klä­rung oder Fest­stel­lung von Tat­sa­chen die­nen, etwa zum Wert eines Ver­mö­gens­ge­gen­stands. Dabei erken­nen die Par­tei­en die durch das Gut­ach­ten zu tref­fen­de Bestim­mung bis an die Gren­ze offen­ba­rer Unrich­tig­keit als ver­bind­lich an8.

Auch ist die Schutz­be­dürf­tig­keit eines Mün­dels im Rah­men eines Schieds­ver­fah­rens nach §§ 1025 ff. ZPO nicht mit der­je­ni­gen in einem Schieds­gut­ach­ten­ver­fah­ren ver­gleich­bar. Zwar mag es ver­gleich­ba­re Risi­ken bei der Aus­wahl der Schieds­rich­ter, dem ein­zu­hal­ten­den Ver­fah­ren und den Ver­fah­rens­kos­ten geben. Der maß­geb­li­che Unter­schied besteht aber dar­in, dass die staat­li­chen Gerich­te an einen im Ver­fah­ren nach §§ 1025 ff. ZPO ergan­ge­nen Schieds­spruch grund­sätz­lich gebun­den sind. Eine Auf­he­bung kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen von § 1059 Abs. 2 und Abs. 3 ZPO bean­tragt wer­den. Hier­bei geht es im Wesent­li­chen um gra­vie­ren­de Ver­fah­rens­män­gel oder einen Wider­spruch zur öffent­li­chen Ord­nung (ord­re public). Eine Über­prü­fung der sach­li­chen Rich­tig­keit des Schieds­spruchs durch staat­li­che Gerich­te fin­det nicht statt9. Dem­ge­gen­über ersetzt eine Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung eine Ent­schei­dung des Rechts­streits durch ein staat­li­ches Gericht nicht. Bin­dungs­wir­kung kann ledig­lich im Rah­men der Fest­stel­lung ein­zel­ner Tat­sa­chen ein­tre­ten, wobei die Fest­stel­lun­gen des Inhalts des Gut­ach­tens dann nicht ver­bind­lich sind, wenn sie offen­bar unrich­tig sind10. Im Fal­le einer Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung sind staat­li­che Ein­griffs- und Kon­troll­rech­te zuguns­ten des Mün­dels mit­hin in wesent­lich stär­ke­rem Umfang gege­ben als bei einem gemäß §§ 1025 ff. ZPO ergan­ge­nen Schieds­spruch.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss des IV. Zivil­se­nats vom 18. Dezem­ber 2013 — IV ZR 20713

  1. Staudinger/Engler, BGB [2004] § 1822 Rn. 155; RGRK-BGB/­Di­cke­scheid, 12. Aufl. § 1822 Rn. 54 a.E.; Erman/Saar, BGB 13. Aufl. § 1822 Rn. 32; vgl. fer­ner Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz, 6. Aufl. § 1822 Rn. 70 []
  2. BGBl. I S. 3224 []
  3. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz; Staudinger/Engler aaO Rn. 154 []
  4. Stau­din­ger aaO []
  5. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz aaO Rn. 1 []
  6. BGH, Urtei­le vom 22.09.1969 — II ZR 14468, BGHZ 52, 316, 319; vom 20.09.1962 — II ZR 20961, BGHZ 38, 26, 28 f. []
  7. BGH, Urtei­le vom 26.04.1991 — V ZR 6190, NJW 1991, 2761 unter — I 1; vom 17.05.1967 — VIII ZR 5866, BGHZ 48, 25, 27 f.; vom 25.06.1952 — II ZR 10451, BGHZ 6, 335, 338 f. []
  8. BGH, Urteil vom 17.01.2013 — III ZR 1012, NJW 2013, 1296 Rn. 13 []
  9. Zöller/Geimer, ZPO 30. Aufl. § 1059 Rn. 47 []
  10. vgl. BGH, Urteil vom 17.01.2013 — III ZR 1012, NJW 2013, 1296 Rn. 13 []