Schiedsvereinbarung mit ausgeklammerten Ansprüchen

Eine Ver­ein­ba­rung, mit der die Par­tei­en eines Schieds­ver­fah­rens die Klag­bar­keit von Ansprü­chen im Schieds­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen haben, berührt nicht die Zustän­dig­keit des Schieds­ge­richts zur Ent­schei­dung über die Schieds­kla­ge.

Schiedsvereinbarung mit ausgeklammerten Ansprüchen

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat der Schieds­gut­ach­ter bei einer Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung im enge­ren Sin­ne ledig­lich die für die Klars­teI­lung des Ver­trags­in­halts maß­geb­li­chen Tat­sa­chen zu ermit­teln und für die Par­tei­en fest­zu­stel­len; dage­gen obliegt es dem Schieds­gut­ach­ter bei einer Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung im wei­te­ren Sin­ne, den Ver­trags­in­halt nach bil­li­gem Ermes­sen rechts­ge­stal­tend zu bestim­men1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat­te in der Vor­in­stanz das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg Art. 16.02.1 des Schiffs­bau­ver­trags im Ergeb­nis dahin aus­ge­legt, dass es sich dabei um eine Schieds­gut­ach­ten­ver­ein­ba­rung im enge­ren Sin­ne han­delt2. Es hat ange­nom­men, der in Art. 16.02.1 Schiffs­bau­ver­trag zur nähe­ren Bestim­mung der vom tech­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen ver­bind­lich zu ent­schei­den­den „tech­ni­schen Strei­tig­kei­ten“ ver­wen­de­te Begriff „claims“ kön­ne zwar die Bedeu­tung von „Rechts­an­sprü­chen“ haben. Dar­aus fol­ge aber nicht, dass der tech­ni­sche Sach­ver­stän­di­ge auch Rechts­fra­gen ent­schei­den sol­le. Die Par­tei­en hät­ten mit der For­mu­lie­rung „a […] tech­ni­cal expert who shall act as such (and not as an arbi­tra­tor)“ aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass der tech­ni­sche Sach­ver­stän­di­ge allein in die­ser Eigen­schaft han­deln sol­le und nicht als Schieds­rich­ter. Bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen sei es auch nicht sinn­voll, einen Sach­ver­stän­di­gen, der zwar über tech­ni­schen, nicht aber über juris­ti­schen Sach­ver­stand ver­fü­ge, etwa dar­über ent­schei­den zu las­sen, ob die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Gel­tend­ma­chung von Män­gel­an­sprü­chen — wie die Ent­behr­lich­keit einer Frist­set­zung zur Nach­er­fül­lung oder die Unbe­gründ­etheit einer Ver­jäh­rungs­ein­re­de — vor­lie­gen. Die Rechts­be­schwer­de ver­sucht, die­se Aus­le­gung der Schieds­ver­ein­ba­rung durch ihre abwei­chen­de eige­ne zu erset­zen, ohne einen Rechts­feh­ler des Ober­lan­des­ge­richts auf­zu­zei­gen oder die Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen der Rechts­be­schwer­de dar­zu­le­gen.

Auch lässt der Bun­des­ge­richts­hof nicht den Ein­wand gel­ten, die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts, selbst wenn in Art. 16.02.1 Schiffs­bau­ver­trag ein „pac­tum de non peten­do“ zu sehen wäre, stün­de dies der Zustän­dig­keit des Schieds­ge­richts nicht ent­ge­gen und wäre eine ohne Vor­la­ge des Schieds­gut­ach­tens ein­ge­reich­te Schieds­kla­ge durch das Schieds­ge­richt ledig­lich als ver­früht und damit als zur Zeit unbe­grün­det abzu­wei­sen, wider­spre­che der jün­ge­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und einer Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen und begrün­de daher die Zuläs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung.

Ein „pac­tum de non peten­do“ kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und der Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen aller­dings die Klag­bar­keit von Ansprü­chen aus­schlie­ßen3. Das Ober­lan­des­ge­richt hat jedoch mit Recht ange­nom­men, dass ein „pac­tum de non peten­do“ einem Gericht nicht die Zustän­dig­keit zur Ent­schei­dung über eine Kla­ge nimmt, mit der Ansprü­che, deren Klag­bar­keit die Par­tei­en aus­ge­schlos­sen haben, unge­ach­tet des „pac­tum de non peten­do“ gel­tend gemacht wer­den.

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat sich mit die­ser Annah­me nicht in Wider­spruch zur Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs oder ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te gesetzt. Es kommt nicht dar­auf an, ob eine sol­che Kla­ge, wie das Ober­lan­des­ge­richt ange­nom­men hat, „als zur Zeit unbe­grün­det„4 oder, wie die Rechts­be­schwer­de gel­tend macht, „als zur Zeit unzu­läs­sig„5 abzu­wei­sen ist. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt hat­te im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren allein dar­über zu ent­schei­den, ob das Schieds­ge­richt sei­ne Zustän­dig­keit in dem Zwi­schen­ent­scheid mit Recht bejaht hat. Sei­ne Annah­me, die in Art. 16.02.1 Schiffs­bau­ver­trag ent­hal­te­ne Schieds­gut­ach­ten­klau­sel berüh­re nicht die Zustän­dig­keit des Schieds­ge­richts, lässt kei­nen Rechts­feh­ler erken­nen und begrün­det nicht die Zuläs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Janu­ar 2016 — I ZB 5015

  1. BGH, Urteil vom 26.04.1991 — V ZR 6190, NJW 1991, 2761; Urteil vom 17.01.2013 — III ZR 1012, NJW 2013, 1296 Rn. 13; Urteil vom 04.07.2013 — III ZR 5212, NJW-RR 2014, 492 Rn. 27 und 33 mwN []
  2. OLG Ham­burg, Beschluss vom 27.05.2015 — 6 Sch 3715 []
  3. zu einem Schieds­gut­ach­ten­ver­trag vgl. BGH, Urteil vom 26.10.1989 — VII ZR 7589, NJW 1990, 1231, 1232; zu einer Schlich­tungs­ver­ein­ba­rung vgl. BGH, Urteil vom 29.10.2008 — XII ZR 16506, NJW-RR 2009, 637 Rn.19; zu einer Dul­dungs­ver­ein­ba­rung vgl. OLG Mün­chen, Beschluss vom 04.08.2009 — 32 Wx 3309 17 []
  4. für den Fall, dass die beweis­pflich­ti­ge Par­tei die rechts­er­heb­li­che Tat­sa­che, deren Fest­stel­lung dem Schieds­gut­ach­ter über­tra­gen ist, nicht durch Vor­la­ge des Schieds­gut­ach­tens nach­weist vgl. BGH, Urteil vom 08.06.1988 — VII ZR 10587, NJW-RR 1988, 1405; Urteil vom 07.06.2011 — II ZR 18608, NJW-RR 2011, 1059 Rn. 13 []
  5. für den Fall, dass die kla­gen­de Par­tei vor Kla­ge­er­he­bung nicht wie ver­ein­bart einen Schlich­tungs­ver­such vor einem Schieds­ge­richt unter­nom­men hat vgl. BGH, NJW-RR 2009, 637 Rn. 17 []