Obligatorische Streitschlichtung bei nachbarrechtlichen Zahlungsklagen in NRW

In Nord­rhein-West­fa­len unter­lie­gen Zah­lungs­an­sprü­che nicht der obli­ga­to­ri­schen Streit­schlich­tung für Nach­bar­rechts­strei­tig­kei­ten nach § 15a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EGZPO und § 10 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a GüSchlG NRW (= § 53 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a JustG NRW).

Obligatorische Streitschlichtung bei nachbarrechtlichen Zahlungsklagen in NRW

Die Erhe­bung einer Kla­ge in Strei­tig­kei­ten über Ansprü­che „wegen der in § 906 des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches gere­gel­ten Ein­wir­kun­gen“ ist im Land Nord­rhein-West­fa­len nach § 15a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EGZPO und der bei Erhe­bung der vor­lie­gen­den Kla­ge noch gel­ten­den Vor­schrift des § 10 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a GüSchlG erst zuläs­sig, nach­dem ver­sucht wor­den ist, die Strei­tig­keit vor einer zuge­las­se­nen Güte­stel­le ein­ver­nehm­lich zu regeln. Dar­an hat sich durch die in dem lau­fen­den Rechts­streit mit sofor­ti­ger Wir­kung ein­ge­tre­te­ne Erset­zung des § 10 GüSchlG NRW durch § 53 JustG NRW nichts geän­dert. Bei­de Vor­schrif­ten sind wort­gleich. Außer­dem könn­te eine spä­te­re Geset­zes­än­de­rung wegen des aus dem Rechts­staats­prin­zip des Art.20 Abs. 3 GG abge­lei­te­ten Rück­wir­kungs­ver­bots nur eine unzu­läs­si­ge Kla­ge zuläs­sig1, nicht aber eine zuläs­si­ge Kla­ge nach­träg­lich unzu­läs­sig machen.

Die Klä­ger haben in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall einen sol­chen Schlich­tungs­ver­such nicht unter­nom­men. Ihre Kla­ge wäre des­halb unzu­läs­sig, wenn es sich hier­bei um eine Strei­tig­keit „wegen der in § 906 des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches gere­gel­ten Ein­wir­kun­gen“ han­del­te. Dass das Land­ge­richt die Kla­ge als zuläs­sig behan­delt und in der Sache ent­schie­den hat, änder­te dar­an nichts2.

Ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts ist eine Kla­ge auf Zah­lung eines ange­mes­se­nen Aus­gleichs in Geld in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 906 Abs. 2 Satz 2 BGB, um die es hier geht, kei­ne Strei­tig­keit wegen der in § 906 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs gere­gel­ten Ein­wir­kun­gen nach § 10 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a GüSchlG NRW (heu­te: § 53 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a JustG NRW).

Das könn­te sich schon dar­aus erge­ben, dass die bun­des­recht­li­che Ermäch­ti­gung in § 15a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EGZPO, deren Tat­be­stand der nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­ge­setz­ge­ber wört­lich in das Lan­des­recht über­nom­men hat, nur Besei­ti­gungs- und Unter­las­sungs­an­sprü­che, aber kei­ne Zah­lungs­an­sprü­che erfasst. Ob das der Fall ist, ist umstrit­ten3. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Fra­ge in der zitier­ten Ent­schei­dung offen gelas­sen. Sie muss auch hier nicht ent­schie­den wer­den.

Mit § 10 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a GüSchlG NRW (heu­te: § 53 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a JustG NRW) wird ein Schlich­tungs­ver­such vor der Erhe­bung der Kla­ge zu den ordent­li­chen Gerich­ten nicht für Zah­lungs­kla­gen, son­dern nur für ande­re Strei­tig­kei­ten über Ansprü­che aus den in § 906 BGB gere­gel­ten Ein­wir­kun­gen vor­ge­schrie­ben.

Die­se Ein­schrän­kung fin­det aller­dings im Wort­laut sowohl des hier noch maß­geb­li­chen § 10 Abs. 1 GüSchlG NRW als auch des heu­te gel­ten­den § 53 Abs. 1 JustG NRW kei­nen aus­drück­li­chen Nie­der­schlag. Sie ergibt sich aber zwin­gend aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Norm. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das für die wort­glei­che Vor­schrift des hes­si­schen Lan­des­rechts ent­schie­den4. Der Bun­des­ge­richts­hof ist, ohne das näher aus­zu­füh­ren, für das Land Nord­rhein-West­fa­len von einer über­ein­stim­men­den Rechts­la­ge aus­ge­gan­gen5. Die Erwä­gung, der Gesetz­ge­ber des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len ver­ste­he sei­ne mit der hes­si­schen Rege­lung in § 1 Abs. 1 Nr. 1 Buch­sta­be a hess. SchlichtG wört­lich über­ein­stim­men­de Rege­lung anders als jene, trifft nicht zu.

Die Rechts­la­ge in Nord­rhein-West­fa­len ist bei den Zah­lungs­kla­gen nicht anders als die in Hes­sen.

Das nord­rhein-west­fä­li­sche Lan­des­recht sah – wie das hes­si­sche Lan­des­recht — den obli­ga­to­ri­schen Schlich­tungs­ver­such ursprüng­lich nicht nur für die heu­te in § 53 Abs. 1 Nr. 1 und 2 JustG bezeich­ne­ten Strei­tig­kei­ten, son­dern auch für die in § 15a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EGZPO bezeich­ne­ten ver­mö­gens­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten vor dem Amts­ge­richt über Ansprü­che mit gerin­gem Streit­wert vor. Der Unter­schied bestand nur dar­in, dass die bun­des­recht­li­che Ermäch­ti­gung, die eine Ein­be­zie­hung von Strei­tig­kei­ten bis zu einem Wert von 750 € erlaubt, in Nord­rhein-West­fa­len, anders als in Hes­sen, nicht voll­stän­dig, son­dern nur für Strei­tig­kei­ten mit einem Streit­wert bis zu 600 € aus­ge­nutzt wor­den war. Die­se Rege­lung hat der nord­rhein-west­fä­li­sche Gesetz­ge­ber durch Gesetz vom 20.11.20076 auf­ge­ho­ben. Er hat die Auf­he­bung mit der glei­chen Erwä­gung begrün­det wie der hes­si­sche Gesetz­ge­ber die zwei Jah­re zuvor erfolg­te Auf­he­bung der ent­spre­chen­den Rege­lung in Hes­sen. In der Ent­wurfs­be­grün­dung heißt es dazu, die Rege­lung habe sich nicht bewährt. Das habe die Eva­lua­ti­on der Rege­lun­gen durch eine Bund­Län­der­Ar­beits­grup­pe, aber auch eine Eva­lua­ti­on spe­zi­ell der Ver­hält­nis­se in Nord­rhein-West­fa­len durch ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten erge­ben7.

Dazu wird auf einen Bericht des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len vom 1. März 20058 Bezug genom­men, in dem eine Auf­ga­be der obli­ga­to­ri­schen Streit­schlich­tung emp­foh­len wird. Der Bericht hebt her­vor, dass die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung in die­sem Bereich ihre Funk­ti­on nicht erfül­len kön­ne, weil das Mahn­ver­fah­ren schlich­tungs­frei genutzt wer­den kön­ne und die Mahn­ver­fah­ren seit Ein­füh­rung der obli­ga­to­ri­schen Streit­schlich­tung um etwa 20 Pro­zent­punk­te gestie­gen sei­en9. Der Bericht kommt zu fol­gen­der Bewer­tung10: „Ins­ge­samt kommt der Gut­ach­ter zu dem Ergeb­nis, dass es nahe liegt, auf die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung für Geld­for­de­run­gen zu ver­zich­ten. Ohne die Geld­for­de­run­gen blei­ben für die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung in ers­ter Linie die Ehr­schutz­sa­chen und die Nach­barstrei­tig­kei­ten. Bei­de Streit­ge­gen­stän­de zusam­men machen schon jetzt zwei Drit­tel der obli­ga­to­ri­schen Güte­ver­fah­ren aus.“

Die­se Emp­feh­lung soll­te mit der Auf­ga­be der obli­ga­to­ri­schen Streit­schlich­tung in ver­mö­gens­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten bis 600 € umge­setzt wer­den11. Die zitier­te Stel­le der Emp­feh­lung zeigt unmiss­ver­ständ­lich, dass der Gesetz­ge­ber mit dem feder­füh­ren­den Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um des Lan­des davon aus­ging, dass die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung in den Nach­barstrei­tig­kei­ten kei­ne Zah­lungs­kla­gen umfasst. Wie der Gesetz­ge­ber in Hes­sen, auf des­sen Bei­spiel sich die Ent­wurfs­be­grün­dung aus­drück­lich bezieht12, woll­te auch der Gesetz­ge­ber in Nord­rhein-West­fa­len alle Geld­for­de­run­gen schlich­tungs­frei stel­len. Das gilt ohne Ein­schrän­kun­gen und damit auch für Ansprü­che in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 906 Abs. 2 Satz 2 BGB.

An die­sem Befund ändert es nichts, dass der Gesetz­ge­ber in Nord­rhein-West­fa­len, anders als der des Lan­des Hes­sen, bei die­ser Gele­gen­heit eine obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung auch für Strei­tig­kei­ten über Ansprü­che nach Abschnitt 3 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes ein­ge­führt hat. Die Lan­des­re­gie­rung begrün­det die Erwei­te­rung mit der Erwä­gung, dass sich die­se Strei­tig­kei­ten „ver­gleich­bar der [sic] Ehr­schutz- und Nach­bar­rechts­strei­tig­kei­ten“ für eine Schlich­tung eig­ne­ten13. Unter Ehr­schutz- und Nach­bar­rechts­strei­tig­kei­ten ver­steht der Gesetz­ge­ber aber nicht alle Strei­tig­kei­ten aus die­sem Gebiet, son­dern nur sol­che, die nicht auf Geld­zah­lung gerich­tet sind. Anhalts­punk­te dafür, dass er das bei den Strei­tig­kei­ten nach dem Abschnitt 3 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes anders gese­hen hat, feh­len. Die Aus­füh­run­gen zu den Kos­ten­be­las­tun­gen der (die Schieds­äm­ter unter­hal­ten­den) Kom­mu­nen im Vor­blatt des Gesetz­ent­wurfs bele­gen das Gegen­teil. Dort wird näm­lich erläu­tert, dass sich eine nen­nens­wer­te Mehr­be­las­tung nicht erge­ben wer­de, weil die zusätz­li­che Belas­tung durch den Fort­fall der ver­mö­gen­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten kom­pen­siert wer­de. Das konn­te nur zutref­fen, wenn alle Geld­for­de­run­gen aus der obli­ga­to­ri­schen Schlich­tung aus­ge­nom­men wer­den soll­ten.

Die Erhe­bung der Kla­ge setz­te des­halb nicht die Durch­füh­rung eines Schlich­tungs­ver­suchs vor­aus. Die Kla­ge durf­te nicht als unzu­läs­sig abge­wie­sen wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. März 2012 — V ZR 16911

  1. BGH, Urteil vom 10.07.2009 – V ZR 6908, NJW-RR 2009, 1238, 1239 Rn. 11 aE []
  2. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2004 – VI ZR 33603, BGHZ 161, 145, 149 f. []
  3. Nach­wei­se im BGH, Urteil vom 10.07.2009 – V ZR 6908, NJW-RR 2009, 1238, Rn. 9 []
  4. BGH, Urteil vom 10.07.2009 – V ZR 6908, NJW-RR 2009, 1238 f. Rn. 10 ff. []
  5. BGH, Urteil vom 08.07.2008 – VI ZR 22107, NJW-RR 2008, 1662, 1663 Rn. 13 []
  6. GV.NRW S. 583 []
  7. NRW LT-Drs. 144975 S. 7 f. []
  8. 3180 – II. 29, NRW LT-Vor­la­ge 133254 []
  9. NRW LT-Vor­la­ge 133254 S. 5 []
  10. NRW LT-Vor­la­ge 133254 S. 9 []
  11. NRW LT-Drs. 144975 S. 8 []
  12. NRW LT-Drs. 144975 S. 8 []
  13. NRW LT-Drs. 144975 S. 8 []